Sozialministerin von der Leyen muss die Hartz-IV-Sätze neu berechnen. Auch wenn die Beträge wohl nicht auf Anhieb steigen werden, bleibt ihr genug Spielraum, um gegen den Verdacht der sozialen Kälte anzugehen.
Mal sehen, ob FDP-Chef Guido Westerwelle jetzt wieder seine verbale Keule herausholt und von anstrengungslosem Wohlstand sowie spätrömischer Dekandenz schwadroniert. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nämlich will die Berechnung der Hartz-IV-Sätze auf eine völlig neue Grundlage stellen. Dabei herauskommen könnten moderat höhere Regelsätze.
Bild vergrößern
Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will die Berechnung der Hartz-IV-Sätze auf eine völlig neue Grundlage stellen, doch das kann dauern. (© dpa)
Anzeige
Anfang des Jahres war Westerwelle derart ausfallend geworden, weil im Anschluss an ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu den Hartz-IV-Regelsätzen für Kinder alle mehr Geld gefordert haben - so jedenfalls kam ihm das vor. Das Gericht hatte moniert, dass die Berechnung der Geldleistungen für die 1,7 Millionen Kinder in Hartz-IV-Bezug nicht nachvollziehbar sei. Sie würden einfach behandelt wie kleine Erwachsene, also Hart-IV-Regelsatz minus Kinderabschlag.
Wenn von der Leyen jetzt eine Neuordnung der Berechnungsgrundlage will, dann setzt sie schlicht um, was das Bundesverfassungsgericht damals entschieden hat. Kurz nach dem Urteil hatte sie die Marschroute vorgegeben: Es werde nicht zwingend mehr Geld geben, dafür aber wohl Sachleistungen und Gutscheine für die Teilhabe an Sport und Kultur.
Dabei soll es auch bleiben. Ein Ministeriumsprecher stellt allerdings klar, Gutscheine und Sachleistungen würden nicht vom Regelsatz abgezogen. Das seien dann Zusatzleistungen. Die Idee: Mit Gutscheinen für Musikunterreicht oder den Sportverein ist das Geld gebunden. Es kann nicht in Zigaretten oder neue Spiele für die Playstation investiert werden.
Gegen diese Art der Bevormundung laufen einige Sozialverbände Sturm. Solange aber kein Geld da ist, um mit einem Heer von Sozialarbeitern Problemfamilien klarzumachen, das Kinder Priorität haben, dürfte dies ein akzeptabler Kompromiss sein.
CDU-Frau von der Leyen muss nicht nur die Regelsätze für Kinder transparenter machen, sondern gleich für alle 6,5 Millionen Hartz-IV-Empfänger. Bisher sind die Hartz-IV-Sätze an die Entwicklung der Renten gekoppelt. Das hat dazu geführt, dass Hartz-IV-Familien nicht mal ein Inflationsausgleich zu Verfügung steht.
Bei allen Debatten, ob mehr Geld allein zu mehr sozialer Gerechtigkeit führt: Faktisch sank in den vergangenen Jahren die Finanzkraft der Hartz-IV-Empfänger. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Regelung gekippt.
Noch will das Ministerium nicht bestätigen, wie die Berechnungsgrundlage in Zukunft aussehen soll, aber es zeichnet sich ab, dass künftig die Nettolohnentwicklung und die Inflation in die Berechnung einfließen sollen - die Regelsätze würden damit automatisch schneller steigen.
Das Bundesverfassungsgericht hatte gefordert, dass neben der Nettolohnentwicklung und der Inflation auch die sogenannte laufende Wirtschaftsrechnung in die Berechnung einfließen könnte, mit der die Entwicklung der Konsumausgaben der Haushalte beschrieben wird. Die aber wird nur alle fünf Jahre aufgestellt, so dass in den Jahren dazwischen Inflation und Nettolohn die bestimmenden Faktoren sein dürften.
Dem Nachrichtenmagazin Spiegel zufolge sollen erste Vorberechnungen gezeigt haben, dass der Regelsatz nach der neuen Berechnungsmethode inzwischen bei wenigstens 400 Euro liegen müsste, 41 Euro über dem heutigen Wert. Der Satz für Kinder hingegen müsse zwar besser erklärt werden, aber nicht unbedingt steigen.
Noch vieles unklar
Ob sich Hartz-IV-Empfänger tatsächlich auf eine deutliche Erhöhung der Regelsätze freuen können, steht noch in den Sternen. Wie es weitergeht, wird sich erst im Herbst abzeichnen, wenn der Gesetzesentwurf vorgestellt werden wird.
Dann muss die Neuberechnung der Hartz-IV-Sätze abgeschlossen sein, damit am 1. Januar 2011, wie vom Bundesverfassungsgericht gefordert, das neue Hartz-IV-Gesetz in Kraft treten kann.
Politiker von Union und FDP jedenfalls scheinen von einer Erhöhung der Sätze nicht sonderlich begeistert zu sein. Der CSU-Sozialpolitiker Max Straubinger hält es für "wenig wahrscheinlich", dass die Regelsätze angehoben werden. Die derzeitige Höhe nannte er "sehr realistisch".
Obwohl das Bundesverfassungsgericht gefordert hat, dass sich Hartz-IV-Sätze aus sich selbst heraus erklärbar sein müssen wird die Bundesregierung nicht umhinkommen, das Lohnabstandsgebot einzukalkulieren. Das sei "immer auch eine Leitplanke" in der Diskussion, sagt ein Sprecher von Sozialministerin von der Leyen.
"Man muss das Lohnabstandsgebot beachten, gerade jetzt, wo der Arbeitsmarkt beginnt, Arbeitslose aufzunehmen", sagt CSU-Politiker Max Straubinger. Auch die FDP-Abgeordnete Miriam Gruß fordert, der Staat müsse "Abstand wahren zwischen Hartz-IV-Beziehern und denen, die arbeiten".
Unklar ist auch, wie denn eine Erhöhung um 41 Euro finanziert werden soll, die im Bundeshaushalt mit jährlich wenigstens sechs Milliarden Euro zu Buche schlagen würde. Sicher ist da nur eines: Die 500 Millionen Euro mehr, die von der Leyen sich sicherheitshalber schon mal für die Hartz-IV-Reform im Haushalt hat zusichern lassen, würden wohl bei weitem nicht reichen.
Wahrscheinlicher ist, dass von der Leyen lediglich die Berechnungsgrundlage erneuert, aber den Regelsatz - wenn überhaupt - nur moderat erhöht. Gerade so viel, damit der Verdacht der sozialen Kälte, unter dem die schwarz-gelbe Koalition leidet, nicht an ihr hängen bleibt.
Wenn Westerwelle dann die Förderung spätrömischer Dekadenz vorwirft, kann ihr das nur recht sein.
- Politik kompakt Von der Leyen plant große Hartz-IV-Reform 31.07.2010
- Wohnungen für Hartz-IV-Empfänger Halbiertes Heim 23.07.2010
- Sparpaket der Bundesregierung Kein Elterngeld für Mini-Jobber 16.07.2010
- Einsparungen bei Hartz-IV-Empfängern "Völlig irrsinnige" Pläne - alle gegen Schröder 29.07.2010
- Ursula von der Leyen Tausche Hartz-IV-Gesetz gegen Mindestlohn 24.10.2010
- Hartz-IV-Reform Von der Leyen umwirbt die SPD 20.10.2010
- Betreuung von Arbeitslosen SPD und Linke verhindern Optionslösung 14.03.2011
(sueddeutsche.de/mel/jja)
Großprojekte in Berlin
Der Staat muss sich verschulden, wenn die Schulden die er heute macht, gewinnbringend für die Zukunft der nachfolgenden Generationen angelegt werden. Beispiel: Ökologie und Bildung. Hier sollte man auch nicht von Schulden sprechen, sondern von Zukunftsinvestitionen. Ganz anders sieht es beim Sparen aus. Wem haben wir alle den hochverschuldeten Haushalt zu verdanken? Herr Steinbrück hatte kurz vor der Finanzkrise noch von einem ausgeglichenen Haushalt geträumt. Und wo stehen wir jetzt! Dass der Finanzsektor nur mit lächerlichen 7,3% am Gesamtsparvolumen von ca. 80 Milliarden Euro laut Studie des Paritätischen Gesamtverbandes in den nächsten vier Jahren zur Verantwortung gezogen wird, kann man nur als Zynismus bezeichnen.
37 Prozent von 80 Milliarden Gesamtsparvolumen sind ca. 30 Milliarden Euro. Ich habe die Zahlen deshalb ohne Kommentar genannt, weil ich davon überzeugt war, dass sie für sich selbst sprechen. Im übrigen bin ich absolut ihrer Meinung, dass die Regierungen dort am meisten sparen können, wo es keine Lobby gibt. Genau das spiegel die Zahlen ja wider: Der Bankensektor weist mit die geringste Beteiligung am Sparpaket auf. Aber was will man von Politikern denn erwarten, die laut Aussage von P. Steinbrück von den Märkten gesteuert werden und der Finanzpolitik hinterher traben. Sie werden immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Lernfähig sind sie nur, wenn sie auf Widerstand stoßen. Deshalb habe ich auch geäußert, dass im sozialen Bereich weiterhin gespart werden wird. Die Zustimmung zur Rentengarantie hat Steinbrück gestern ja als seinen größten Fehler bezeichnet. Damit ist die nächste Sparrunde zusammen mit Herrn Brüderle eingeleitet worden. Sie sehen auch hier, dass die Politiker die größten Fehler immer in den Bereichen freiwillig zugeben, wo sie den geringsten Widerstand erwarten: bei Arbeitslosen und Rentnern. Erwarten, wohl gemerkt! Das kann sich ja auch ändern!
Das werden wir ja sehen Ankur als nächstes in BAWÜ wenn Mappus kippt und dann in Hessen wo ebenfalls die CDU wegkippen wird in den Keller!CDU/CSU 28%
"Aber Steuerzahler haben keine Lobby, die haben Sie nur als Sozialtransferempfänger mit einer Heerschaar von berufsbetroffenen Politikern (die sehen Sie bestenfalls als Stimmvieh) sowie als Spitzenverdiener. Denn der kann sich seine Lobbyisten leisten."
Nein, Sozialhilfeempfänger haben auch keine Lobby.
Sie leben am Existenzminimum. Da ist es nur Recht wenn dieses angehoben wird.
Haben Sie schon mal versucht, vom Regelsatz zu leben? Versuchen Sie es mal.
Und dann bedenken Sie auch, dass Sie sich für jedes verlassen Ihres Wohnorts abmelden müssen!
Das Problem ist nicht, dass Hartz-IV-Empfänger zu viel erhalten. Sondern, dass die Löhne schlicht zu niedrig sind. Und das der Anteil der Niedriglöhne immer weiter zunimmt - und das vom Staat auch noch gefördert wird.
Hätte jeder Arbeitswillige Arbeit und würde jede Arbeit angemessen entlohnt, dann könnte sich der Staat die par Hunderttausend Arbeitsunwilligen ohne Probleme leisten. ;-)
@BeckyThatcher: Diese Veränderungen können Sie doch nicht in Prozent angeben. Dazu müssen Sie doch die absoluten Zahlen des Etats davor angeben und die der Reduzierung.
Und warum wird ausgerechnet im Sozialbereich (und wohl auch im Bildungsbereich) gespart? Weil es dort keine Lobby gibt!
Und was macht es eigtl aus, wenn der Staat sich verschuldet? Die USA sind das Land mit der weltweithöchsten Pro-Kopf-Verschuldung (zumindest unter den fürhenden Wirtschaftsnationen) - und sie denken auch nicht daran, das zu reduzieren. Warum wird bei uns immer bemüht Schulden zurückzuzahlen? Das klang zuletzt 1999 Herrn Eichel - Kohl&Waigel ham s ja auch rausgeschmissen.
Der Paritätische Gesamtverband hat die Kürzungen im Sparpaket der Bundesregierung prozential in den einzelnen Bereichen für die Jahre 2011-2014 berechnet. Die Angaben beziehen sich auf das Gesamtvolumen von ca. 80 Milliarden Euto des Sparpakets.
Sozialbereich 37%
Beteiligung Bankensektor 7,3%
Beteiligung Unternehmen 16,1%
Subventionsabbau 11,6%
Streitkräfte 4,9%
Verwaltung 16,4%
Sonstiges 6,6%
Interessant ist, dass beim Verteidigungsetat am wenigsten gekürzt wird. Die Aufwendungen dafür betrugen 2009 ca. 31 Milliarden Euro. Die Finanz- und Realwirtschaft trägt zusammen 18,9% am Sparpaket. Bei diesen Zahlen muss man davon ausgehen, dass weiter Einsparungen im Sozialbereich folgen.
Paging