Glasfaserausbau Bundesregierung wird ihr Breitband-Ziel für 2018 verfehlen

Breitbandausbau: Schon jetzt ist das 50-Megabit-Ziel der Bundesregierung zu einem bloßen Zwischenschritt verkommen.

(Foto: imago/Michael Schick)
  • Der Bundesnetzagentur zufolge werden zum Jahreswechsel nur etwa 80 Prozent der Haushalte einen Breitbandanschluss besitzen.
  • Viele ländliche Regionen müssen jedoch befürchten, abgehängt zu werden.
  • Hinzu kommt: Wenn die Menschen immer mehr Filme streamen, per Video chatten oder ihre Wohnung vernetzen, braucht es zudem neuere Technologien.
Von Benedikt Müller, Köln

Als die Bundesregierung vor drei Jahren ihre Digitale Agenda vorstellte, gab sie ein ehrgeiziges Ziel aus: Bis 2018 sollten alle Haushalte einen Breitbandanschluss besitzen, also mindestens 50 Megabit pro Sekunde aus dem Internet ziehen können. Nun, da das Jahr 2018 bevorsteht, haben zwar erste Städte das Ziel erreicht; viele ländliche Gebiete werden es aber verfehlen. Und je schneller die Digitalisierung voranschreitet, desto mehr verkommt das 50-Megabit-Ziel zu einem bloßen Zwischenschritt.

Der Bundesnetzagentur zufolge werden zum Jahreswechsel etwa 80 Prozent der Haushalte einen Breitbandanschluss besitzen. Dies ist vor allem zwei Technologien zu verdanken: den Kabelanschlüssen, die Anbieter wie Vodafone und Unitymedia auch für Telefon und Breitband-Internet freischalten können, sowie der Vectoring-Technologie. Für letztere schließt vor allem die Deutsche Telekom Verteilerkästen in den Straßen an das Glasfasernetz an; die letzten Meter bis ins Haus legen die Daten über alte Kupferkabel zurück.

Gebiete, in denen keine der beiden Technologien verfügbar sind, müssen dagegen befürchten, abgehängt zu werden. In ländlichen Räumen können bislang nur 36 Prozent der Haushalte mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde surfen. Vor allem in dünn besiedelten und hügeligen Gebieten ist der Breitbandausbau teuer. Einer Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge kann etwa im Wartburgkreis in Thüringen nur jeder fünfte Haushalt schnelles Internet nutzen.

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Langfristig dürften allerdings weder Kabelnetze noch Vectoring genügen, wenn die Menschen immer mehr Filme streamen, per Video chatten oder ihre Wohnung vernetzen. "Wir müssen in Zukunft weiter denken als nur bis zu dem 50-Megabit-Ziel", sagte Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur, Anfang des Monats. Da auch Unternehmen ihre Datenbanken in die Cloud verlagern und immer mehr Maschinen vernetzen, steigt die Datenmenge, die hierzulande über das Internet verschickt wird, exponentiell an.

Daher hat die Bundesregierung im vergangenen Sommer ein neues, nicht minder ehrgeiziges Ziel ausgerufen: Bis zum Jahr 2025 soll ganz Deutschland mit Gigabit-Geschwindigkeiten surfen können. Diese Bandbreite bieten derzeit nur Glasfaseranschlüsse bis in die Häuser (FTTH). Bislang können aber erst drei Millionen Haushalte diese Technik nutzen. Damit weist Deutschland eine der niedrigsten Quoten in Europa auf. Und bislang haben nur gut 750 000 Haushalte einen Tarif gebucht, der solche Geschwindigkeiten ermöglicht.

Weil die Nachfrage noch verhalten und der Ausbau teuer ist, investieren viele Telekom-Anbieter bislang nicht in einen flächendeckenden Glasfaserausbau. Die Bundesregierung geht davon aus, dass dieser bis zu 80 Milliarden Euro kosten könnte. Eine neue Bundesregierung muss im Jahr 2018 entscheiden, wie sie sich dem Gigabit-Ziel annähern will. Bislang hat der Bund für den Breitbandausbau vier Milliarden Euro Fördergeld zur Verfügung gestellt. Es vergehen aber Jahre, bis die bezuschussten Vorhaben ausgeschrieben, vergeben und umgesetzt sind.

Betreiber finden kaum Tiefbau-Unternehmen

Telekom-Anbieter warnen, dass mehr Geld alleine das Problem nicht lösen wird. So war in den gescheiterten Sondierungsgesprächen einer Jamaika-Koalition vorgesehen, dass der Bund den Glasfaserausbau mit bis zu 20 Milliarden Euro fördern sollte. "Die 20 Milliarden Euro haben mich verwirrt", sagte kürzlich Telekom-Chef Tim Höttges, "weil sie bei ohnehin schon knappen Tiefbau-Kapazitäten nur zu einer weiteren Verteuerung geführt hätten."

Betreiber regionaler Glasfasernetze berichten, dass sie kaum noch Tiefbau-Unternehmen finden - und deren Preise binnen Jahresfrist um 16 Prozent gestiegen seien. Die Telekom beschäftigt 1000 Tiefbau-Arbeiter aus Spanien, um die Kabel bis zu den Verteilerkästen zu verlegen. "Wir rekrutieren derzeit Arbeitskräfte aus Weißrussland", sagte Höttges.

Wettbewerber der Telekom fordern, dass sich der Staat vom nächsten Jahr an bei seinen Zuschüssen beschränken sollte auf echte Glasfaseranschlüsse bis in die Häuser. Um die Förderung zudem zeitlich zu strecken, schlägt die Monopolkommission zeitlich befristete Gutscheine vor. Solche Gigabit-Voucher könnte der Staat nach und nach an Mittelständler oder Schulen verteilen. Die könnten den Gutschein gegen einen Glasfaseranschluss einlösen, den der Staat bezuschussen würde.

Eine neue Regierung wird ebenfalls entscheiden müssen, wie sie eine zusätzliche Förderung finanzieren würde. In den Jamaika-Sondierungen hatten sich FDP und Grüne dafür ausgesprochen, dass der Staat seine Anteile an der Telekom verkaufen sollte. Bislang hält der Bund noch mehr als 30 Prozent der Telekom-Aktien. Auch die Monopolkommission kritisiert die Doppelrolle des Staates: Einerseits soll die Bundesnetzagentur die Telekom regulieren; andererseits profitiert die Staatskasse von möglichst hohen Gewinnen des Konzerns.

Der Telekom-Chef spricht sich gegen eine Komplettprivatisierung aus. "Ich habe Herrn Lindner gefragt, ob er eigentlich rechnen kann", sagte Höttges in Bezug auf den FDP-Chef. Die Telekom hat der Staatskasse in diesem Jahr knapp 900 Millionen Euro Dividende überwiesen; dies entspreche einer Rendite von 4,5 Prozent. "Es ist eigentlich ein schlechter Deal, wenn er die Telekom-Anteile privatisiert", so Höttges.

Eine weitere, ungeklärte Frage des Glasfaserausbaus muss die Bundesnetzagentur im kommenden Jahr beantworten: Bislang muss die Telekom in ihr Kupferkabelnetz, das sie von der alten Bundespost geerbt hatte, auch Wettbewerber wie 1 & 1 hereinlassen - zu Preisen, welche die Netzagentur vorgibt. Die Telekom fordert nun, dass die Regulierung nicht für neue Glasfasernetze gelten sollte, weil man diese teuer bauen müsste. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) warnt hingegen, dass ein solcher Regulierungsausschluss für die Kunden teuer werden könnte. Denn die Telekom könnte frei wählen, zu welchen Preisen sie Konkurrenten in ihre schnellen Netze lässt.

Der Konzern erhöht unterdessen den Druck auf die Politik: In Norddeutschland will die Telekom gemeinsam mit dem Versorger EWE eine Million Haushalte an Glasfasernetze anbinden - aber nur, falls das Gemeinschaftsunternehmen nicht unter die bisherige Regulierung fällt. Das Beispiel zeigt, wie sehr der Ausbau des schnellen Internets von politischen Entscheidungen im nächsten Jahr abhängt.

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