Fleischproduktion in Deutschland Was Sie über Massentierhaltung wissen sollten

Hühner leiden besonders: In etwa 70 Prozent der Mastställe leben mehr als 50 000 Tiere.

Wie viele Nutztiere werden in Deutschland wie gezüchtet? Welche Folgen hat die Massentierhaltung für Mensch und Umwelt? Welche Medikamente kommen zum Einsatz? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Von Maja Beckers und Charlotte Dietz

Massentierhaltung - was ist das überhaupt?

"Massentierhaltung gibt es in Deutschland nicht". Dieser Satz von Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied erregte im Januar öffentliche Aufmerksamkeit. Er möchte stattdessen den Begriff "Intensivtierhaltung" verbreiten. Tatsächlich ist es mit der Definition des Begriffs gar nicht so einfach - eine offiziell gültige gibt es nämlich nicht. Dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zufolge ist es "die technisierte Viehhaltung meist nur einer Tierart in Großbetrieben zur Gewinnung möglichst vieler tierischer Produkte".

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Die Haltung vieler Tiere meist einer Art auf engem Raum taucht bei fast allen gängigen Definitionen auf. Genaue Bestandszahlen, ab denen man von Massentierhaltung sprechen kann, sind jedoch nicht festgelegt. Als Richtlinien gelten für Geflügel 40 000, für Mastschweine 2500, für Sauen 750 und für Rinder 600 Plätze. Die subjektive Wahrnehmung weicht davon jedoch stark ab ab: Einer Studie der Georg-August-Universität Göttingen zufolge empfinden die Befragten beispielsweise einen Bestand von 5000 Masthühnern als Masse, der tatsächliche Bestand liegt im Schnitt jedoch bei 35 000 Tieren.

Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau führt außerdem mechanische Einrichtungen und den erhöhten Einsatz von Technik an. Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen definiert das Phänomen auch über die Futterzufuhr: Wenn weniger als zehn Prozent der Futtertrockenmasse aus dem eigenen Betrieb stammen, handelt es sich um Massentierhaltung.

Tierschutzorganisationen beziehen außerdem das Schicksal der Tiere in die Definition ein: "Wenn der Halter seine Tiere als reine 'Produktionsfaktoren' zur Erwirtschaftung eines Deckungsbeitrages sieht, statt als Lebewesen mit arteigenen Bedürfnissen und angeborenen Verhaltensweisen", schreibt etwa ProVieh über die Massentierhaltung.

Von welcher Masse reden wir?

In Deutschland leben dem Bundesamt für Statistik zufolge derzeit etwa 12,7 Millionen Rinder, davon 4,3 Millionen als Milchkühe, 28 Millionen Schweine und 67,5 Millionen Masthühner. Dazu kommen 36,6 Millionen Lege­hennen. Diese Zahl hat seit 2011 deutlich zugenommen, um 7,5 Prozent. Nimmt man Schafe, Puten und andere Nutztiere hinzu, leben insgesamt fast doppelt so viele Nutztiere wie Menschen in Deutschland.

Medien bezeichnen Deutschland immer wieder als "Schlachthaus Europas": Das Land steht bei der Schweineschlachtung mit mehr als 58 Millionen getöteten Tieren pro Jahr auf Platz 1 der europäischen Spitzenproduzenten, beim Rindfleisch auf Platz 2 hinter Frankreich, wie der Fleischatlas 2014 des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zeigt. Auf dem größten Geflügelschlachthof Europas im niedersächsischen Wietze schlachtet eine Maschine 450 Tiere pro Minute.

Knapp 8,1 Millionen Tonnen Fleisch wurden im Jahr 2013 in den gewerblichen Schlachtbetrieben Deutschlands produziert. Das geht weit über den Bedarf auf dem deutschen Markt hinaus: Deutschland exportiert derzeit 4,14 Millionen Tonnen Fleisch im Jahr. Zwischen 2000 und 2010 ist der Fleischexport um fast 250 Prozent gestiegen.

Warum gibt es immer weniger und immer größere Betriebe?

Die Zahl der Betriebe ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gesunken, während ihre Größe zunahm. Das veranschaulicht beispielsweise die Sauenhaltung: Zwischen 2003 und 2013 sank die Zahl der Sauenhalter von 39 000 auf 15 000. Gleichzeitig stieg die Zahl der Sauen pro Halter erheblich: 2003 waren es noch 66, 2013 mit 141 mehr als doppelt so viele.

Bei den Legehennen sind selbst 100 000 pro Betrieb keine Seltenheit mehr. Das liegt zum einen an der fortschreitenden Technik, die für immer mehr Tiere immer weniger Personal erfordert. Aber auch der wirtschaftliche Druck spielt eine Rolle: Fleisch und tierische Produkte werden zu Billigpreisen verkauft.

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