Schlachten im Millisekundentakt 432.000 Hühnchen. Am Tag

Die Geflügelindustrie hat die Massenproduktion perfektioniert. Denn die Ware muss billig sein. Ein Blick hinter die Kulissen.

Von Silvia Liebrich

Es ist ein Ort, der tiefes Unbehagen auslöst. Das Firmengelände ist abgeschirmt wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Direkt an der Straße entlang haben sie mächtige Eisengitter in die Erde gerammt, mehrfach durchzogen von Stacheldraht. Dann folgen ein Graben und ein noch höherer Palisadenzaun.

Tausende Tiere auf engstem Raum, jeweils 15 ausgewachsene Hühner auf einer Fläche, die so groß ist wie ein Badehandtuch. Kann es den Vögeln unter diesen Umständen gut gehen?

(Foto: dpa)

Was sich dahinter abspielt, darüber geben nur nackte Zahlen Auskunft: 27.000 Tiere in der Stunde, das ist die maximale Schlachtkapazität. Das macht 432.000 am Tag, 134.784.000 über das Jahr gerechnet - Töten im Millisekundentakt. "Celler Land Frischgeflügel", steht auf dem Schild neben der streng bewachten Einfahrt im niedersächsischen Wietze. Es ist der größte Geflügelschlachthof Europas.

Gerd Helmers, 65, blickt auf den Zaun und legt seine Stirn in Falten. "Auch wenn nichts zu sehen ist, den Tod kann man riechen", sagt der Mann mit dem weißen Haarschopf und der randlosen Brille. Der Geruch sei unverkennbar, süßlich und ekelerregend. Helmers muss es wissen. Er wohnt ein paar Straßen weiter, in einer ruhigen Siedlung, schmuckes Einfamilienhaus mit Garten.

Doch die Idylle trügt, denn der Schlachthof hat einen Keil zwischen die Menschen im Ort getrieben. Bis in die sechziger Jahre haben sie hier ganz gut von einem Ölvorkommen im sandigen Untergrund gelebt. Doch der Schatz ist längst gehoben, und es gibt immer weniger Arbeit in der ländlichen Region.

Seit die Schlachtanlage im vergangenen September in Betrieb ging, herrscht Hochbetrieb. "Jeden Tag kommen Lastwagen voll mit Geflügel, einige von ihnen sogar aus Dänemark", sagt Helmers. Er hat sich engagiert, als 2009 erste Gerüchte über die Baupläne kursierten. Seine Frau Uschi ist Vorsitzende der Bürgerinitiative Wietze. Doch gegen die Versprechen von Franz-Josef Rothkötter kamen sie nicht an. Der Geflügelunternehmer versprach tausend Jobs.

Da ließ sich die Landesregierung von Niedersachsen nicht lange bitten und spendierte 6,5 Millionen Euro als Fördergeld für den Bau. Das Geld hat Rothkötter gern genommen. Besucher oder Journalisten sind dagegen in seiner Fabrik nicht willkommen. Ein Gespräch lehnt die Geschäftsleitung auf Anfrage ab.

Der Megaschlachthof in Wietze ist auch ein Sinnbild für die tiefe Entfremdung zwischen Verbrauchern und Geflügelindustrie. Zu den Großen in der Branche gehören neben der Rothkötter-Gruppe der Wiesenhof-Eigner PHW sowie Stolle, Sprehe und Borgmeier. Sie produzieren Massenware, die vor allem eines sein muss: billig. So wollen es angeblich die Konsumenten. Dass dabei Tiere gequält und mit Antibiotika vollgestopft werden, und dass die Umwelt schwer strapaziert wird, will zwar niemand. Trotzdem wird es billigend in Kauf genommen, klagen Kritiker der Massentierhaltung.