Diesel-Autos Der Abgasskandal - ein Debakel für die gesamte Autoindustrie

Mittlerweile ist nicht mehr nur der Autobauer VW betroffen: Der Abgas-Skandal hat eine ganze Branche verseucht.

(Foto: imago stock&people)
  • Der Abgas-Skandal hat inzwischen die ganze Auto-Branche verseucht: Bis auf BMW zählen offenbar alle deutschen Hersteller zu den Stickoxid-Sündern.
  • Audi, Porsche, Mercedes, Volkswagen und Opel müssen insgesamt 630 000 Fahrzeuge in die Werkstätten zurückrufen.
  • Auch der Druck auf Bosch erhöht sich: Der Zuliefer steht unter Verdacht, seine Abschalt-Vorrichtung nicht nur an VW, sondern auch an andere Konzerne geliefert zu haben.
Von Markus Balser, Thomas Fromm und Klaus Ott

Es ist natürlich Zufall, dass solche Dinge alle an einem Tag passieren - an diesem einen, schwarzen Freitag. Aber es ist kein Zufall, dass sie überhaupt passierten. Denn die Autoindustrie, mit all ihren Zulieferbetrieben nach wie vor der wichtigste Arbeitgeber in Deutschland, steckt in der wohl tiefsten Krise ihrer Geschichte. Sie begann im September als Diesel-Affäre bei Volkswagen. Spätestens seit Freitag, an dem alles zusammenkam, ist klar: Der Abgas-Skandal hat inzwischen die gesamte Branche verseucht - und das weltweit.

Das ganze Ausmaß der Affäre wurde in Berlin deutlich, als Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) einen lange geheim gehaltenen Untersuchungsbericht veröffentlichte. Das Papier zeigt: Nicht nur VW hat bei Abgaswerten und Umweltschutz getrickst. Die Branche selbst ist das Problem. Bei Tests von 53 Dieselmodellen fiel fast die Hälfte durch. Weltkonzerne stehen auf einmal blamiert da: Sie konnten den Prüfern erhöhte Stickoxidwerte nicht erklären.

Die Folge nun: ein beispielloser Rückruf. Audi, Porsche, Mercedes, Volkswagen und Opel müssen 630 000 Fahrzeuge in die Werkstätten zurückholen und die Abgasreinigung nachbessern. Denn viele Autobauer schalten sie ab, wenn eine bestimmte Außentemperatur unterschritten wird. Über deutsche Straßen rollen deshalb Autos mit gefährlich hohen Abgaswerten. Bis zu diesem Freitag hatte VW ein Problem. Jetzt haben fast alle großen Hersteller eines. Allein bei BMW fiel den Prüfern kein Fahrzeug unangenehm auf.

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Neben den Autobauern steht auch Zulieferer Bosch unter Verdacht

Immerhin ein Lichtblick. Geht es also auch ohne Schummeln? Berlin bleibt nicht der einzige Ort der Wahrheitssuche. Während Dobrindt in der Hauptstadt über die Messergebnisse des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) spricht, blickt man von Stuttgart aus ängstlich in die USA: Ist Daimler das nächste VW? Zumindest haben die Schwaben ein Riesenproblem in den USA. Zuerst warfen Kläger dem Hersteller vor, bei Temperaturen von unter zehn Grad Celsius die Grenzwerte bei giftigen Stickoxiden um bis zum 65-Fachen zu überschreiten. In der Nacht zu Freitag dann forderte das US-Justizministerium den Konzern auf, die Abgaswerte intern zu überprüfen. Spätestens da war klar: Da braut sich was zusammen für Daimler. Seit VW weiß man, was aus Problemen mit der US-Justiz werden kann.

Diesel-Ärger gibt es auch in Frankreich, wo Ermittler die Büros des französischen Mutterkonzerns von Peugeot und Citroën durchsuchten und Material beschlagnahmten. Es ging, auch hier, um den Verdacht von Manipulationen bei Schadstoffmessungen. Und dann wäre da noch Fiat: Die von Dobrindt eingesetzte Untersuchungskommission geht inzwischen auch dem Verdacht nach, der italienische Autohersteller könnte eine spezielle Technik genutzt haben, um sich die aufwendige Schadstoff-Reinigung zu ersparen. Der Hinweis kam vom Stuttgarter Autozulieferer Bosch. Der Autozulieferer wiederum steht unter Verdacht, seine entsprechende Abschalt-Vorrichtung nicht nur an VW, sondern auch an andere Konzerne geliefert zu haben. Das ist der inzwischen weltbekannte VW-Trick, der dafür sorgt, dass die Abgase beim Testbetrieb auf dem Prüfstand gereinigt und dort die Grenzwerte für Stickoxide eingehalten werden, im Verkehr die Schadstoffe aber ungefiltert auf Straßen und Bürgersteige geblasen werden. Ein Sprecher des Mutterkonzerns Fiat Chrysler Automobiles wollte sich dazu nicht äußern.

Bis auf BMW zählen wohl alle deutschen Hersteller zu Stickoxid-Sündern

Und die Wolfsburger selbst? Der Konzern, mit dessen Abgas-Affäre in den USA im September alles begann, muss bitter büßen für seine Dieselautos. VW meldete am Freitag für 2015 den größten Verlust seiner Geschichte: 1,6 Milliarden Euro. Im Jahr davor stand hier noch ein Rekordgewinn von elf Milliarden Euro - besser lässt sich nicht illustrieren, was so ein Abgas-Skandal mit einem Weltkonzern innerhalb eines Jahres machen kann. 16,2 Milliarden Euro muss das Unternehmen wegen des Diesel-Skandals für 2015 zurückstellen - das ist wohl erst der Anfang.

Die Abgasaffäre wird für die ganze Autoindustrie zu einem gigantischen Debakel. Bis auf BMW, so legen es zumindest die Zahlen des KBA nahe, zählen alle deutschen Hersteller zu den Stickoxid-Sündern. Die meisten betroffenen Fahrzeuge sollten noch im Sommer umgerüstet werden, kündigte Dobrindt an. Auffällig waren aber auch Modelle von Alfa Romeo, Chevrolet, Dacia, Fiat, Ford, Hyundai, Jaguar, Jeep, Land Rover, Nissan, Renault und Suzuki. Über mögliche Rückrufe dieser Hersteller ist noch nichts bekannt. Die Wahrheitssuche dürfte damit auch in Berlin weitergehen. Die Messergebnisse bringen zudem die Bundesregierung in Bedrängnis. Seit Jahren hatte es Hinweise auf Tricks der Konzerne bei den Abgaswerten gegeben. Doch die Politik tat wenig, um dagegen vorzugehen. Ein Untersuchungsausschuss soll die Affäre nun aufarbeiten.

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