Als ich erneut Bier bestellen gehe, merke ich, dass auch englisches Lager seine Wirkung nicht verfehlt - zumindest beim Trinken steht es zwischen den Pint-Aficionados im Pub und mir unentschieden. Dann trifft Upson zum 1:2 und ich erlebe einen Urknall an Jubel, der den Laden fast zum Zerbersten bringt. Dicke Männer ziehen ihre T-Shirts aus, Bier spritzt durch die Luft, Lieder werden angestimmt - und einer brüllt: "Take this, bloody Fritzes!" bis ihm sein Kumpel ein frisches Pint an den verschwitzen Mund hält.

Public Viewing: Germany v England - 2010 FIFA World Cup Bild vergrößern

Die Fans der "Three Lions" verzweifelten wegen des nicht gegebenen Tores von Frank Lampard - doch viel schlimmer fanden sie die Leistung ihres Teams. (© getty)

Anzeige

Hüllen und Hemmungen fallen, das englische Understatement ist einer Euphorie aus Fußballekstase und Alkohol gewichen, doch hätte ich geahnt, was jetzt passiert, wäre ich wohl wirklich abgehauen: Lampards Schuss landet so klar hinter der Linie, dass ich mich fast schäme, als das Tor nicht gegeben wird. Das ganze Pub ist außer sich. In den Gesichtern steht eine Art der Verzweiflung, wie ich sie noch nie gesehen habe. Alles schäumt, nicht nur die Zapfanlage. "It was in, you stupid idiot!", japst einer, "You shithead!" schallt es aus der Ecke - und ich hoffe, es ist der Schiedsrichter gemeint und nicht ich.

Großes Drama, große Engländer

Der Mann vor mir bekommt Krampfadern an der Stirn, die so hochrot anläuft, dass ich befürchte, er könnte sogleich vor Ärger das Zeitliche segnen. "You see that, mate? It should've been a goal! Oh what a bloody disgrace!" ist noch das Höflichste, was ich höre. Warum bin ich nicht einfach an den Tegernsee oder nach Irland gefahren, denke ich. Aber ich muss das Spiel ja irgendwo anschauen, also beschließe ich, noch eins zu trinken und das hier durchzustehen. Spaß macht mir bisher nur das Spiel der deutschen Mannschaft und anders als anzunehmen war, erheitert es mich nicht, die Engländer so zu sehen. Ich habe Mitleid, was ich gerne jemandem mitteilen würde, doch ich ziehe es vor, mich hier nicht um Kopf und Kragen zu reden.

Müllers Doppelschlag zum 3:1 und 4:1 besiegelt den Katastrophentag der Engländer. Ich staune über die Leidensfähigkeit und den Humor der Briten, denn nicht Lampards "Wembley-Tor" ist das große Thema, sondern die Unfähigkeit der englischen Spieler. Die Attribute, mit denen die Leistung ihres Kapitäns Steven Gerrard kommentiert wird oder der Auftritt des Verteidigers John Terry zeugen zwar nicht von guter Kinderstube, doch sie demonstrieren: Die Schuld für die Niederlage suchen die Fans nicht beim Schiedsrichter, sondern bei ihren Spielern. Je größer das Drama, desto größer die Engländer, fällt mir auf. Sie hadern, sie spotten, sie leiden, sie zetern - doch sie bewahren Haltung. Ich bin beeindruckt.

Je näher der Schlusspfiff rückt, desto entspannter geben sich meine Nebenleute mir gegenüber. Einer sagt: "Losing against the Germans is the worst and the best thing that ever happens to us - it breaks our hearts, but at the same time it shows us what we really are: We're losers and we're proud of it." Er klopft mir auf die Schulter, grinst mich an und sagt: "Now you little German, go buy me a drink, for fooks sake, that's the least you can do." Ich hole uns zwei Pints und sage zu ihm: "At least we didn't beat you on penalties!" - "Oh fuck off!", antwortet er und mir fällt zum ersten Mal auf, dass das durchaus auch nett gemeint sein kann.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. In der Höhle der drei Löwen
  2. Sie lesen jetzt Alles schäumt
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/bgr)