Ein England-Besuch mit Folgen: Wie ein furchtloser sueddeutsche.de-Leser das Spiel Deutschland gegen England in einem Londoner Pub erlebte - und seine Herkunft nicht lange verbergen konnte.
Damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Einige Monate vor der WM stolperte ich über das Angebot einer Billig-Airline für einen Flug nach London und buchte mir ein Ticket. Es war das Wochenende 26./27. Juni 2010. Dass es an jenem Sonntag zum Achtelfinale Deutschland gegen England kommen sollte, konnte ich vorher nicht wissen - während meine Freunde und 25 Millionen andere Deutsche das Spiel zu Hause vor dem Fernseher verfolgten, ging ich also spontan in ein Pub im Londoner East End. Ein Erlebnisbericht aus der Höhle der "Three Lions".
Bild vergrößern
So sah man die englischen Fans beim Achtelfinale gegen Deutschland nur einmal. (© ag.ap)
Anzeige
"Sieh zu, dass du lebendig wiederkommst!", "Provoziere sie nicht, das sind Engländer!", "Ach, bleib doch lieber hier!" - keine Ahnung, wie oft ich mir am Tag vor meiner Abreise derartige Empfehlungen anhören musste. Doch mein Entschluss stand fest, schließlich hatte ich diese Reise schon gebucht. Was als gemütlicher Trip ins Land der Teetrinker geplant war, endet mit dem WM-Achtelfinale Deutschland gegen England an einem sonnigen Sonntagnachmittag im Osten der königlichen Hauptstadt. Ein Mann, ein Pub, denke ich mir - wo sollte ich auch sonst hingehen, um mir diesen Klassiker anzusehen. Etwa in die Elektronikabteilung von Harrod's? Auch armselig.
In einem Hinterhof der Brick Lane, einer berühmten kleinen Straße mit desolatem Charme, in der es nach Curry duftet, finde ich ein Pub, an dessen Eingang ein Schild hängt: "World Cup live: England - Germany, Kick Off 3 PM". "Das ist mein Laden", denke ich und schäme mich ob dieses Mario-Barth-Blödsinns in meinem Unterbewusstsein. Der Laden ist gut gefüllt, die "football lads" haben blendende Laune, was durch reges Ordern zapffrischer Pints und gelegentliche "Comeooonenglaaaaand"-Krakeeler zum Ausdruck kommt. Mit dem Bierbestellen beginnen meine Probleme. Hatte ich im Vorfeld noch den gewieften Plan, mich einfach still zu verhalten und nicht zu jubeln, falls die Deutschen ein Tor schießen würden, um nicht als "German" in Erscheinung zu treten, droht nun meine Tarnung bei der Getränkeorder aufzufliegen. "A Pint of Stella, please," oxfordere ich angestrengt - es reicht nicht. "Now, look at you, mate, you're not actually German, are ya?" cockneyed mich der glatzköpfige Barmann an.
Are you German?
Nein, Österreicher - das war meine zurechtgelegte Antwort für den Fall der Fälle, doch ich verpasse den Moment für diese Notlüge und fliege auf. "Weeelll..." - "Oi lads, there's a fookin' German here with us today!", brüllt der entzückte Vorzeigebrite hinter dem Tresen so laut, als läute er jetzt schon die letzte Runde vor der "closing hour" ein. "Oh fook off!", schallt es unisono aus der Menge, aus der zuvor nur friedlich gemurmelte Audrücke wie "Cheers" und "Sorry mate" kamen. Von diesem Moment an vernehme ich die Wörter "fookin'" und "German" als eine Art konstantes Nebengeräusch zum dröhnenden Vuvuzela-Getröte aus dem Fernseher. Das Spiel beginnt und meine Gelassenheit endet, schnell spüle ich ein weiteres Pint hinterher, um mir Mut anzutrinken gegen die bösen Blicke und Schmährufe in meine Richtung.
Es kommt noch schlimmer: Als Klose das 1:0 erzielt, jaule ich kurz auf und mache vorsichtshalber einen Satz zurück, aus Angst vor dem Exodus des Mob. "It's in, it's one nill for Germany", höre ich den BBC-Kommentator noch rufen, dann geht er im Lärm des Pubs unter. Ich überlege zu gehen, denn es könnte ungemütlich werden hier - zumal sich mir eine Gruppe Working-Class-Haudegen nähert, deren Beschimpfungen sich nicht mehr wie normales Englisch anhören, sondern eher wie ein Bellen gespickt mit vielen "bloodies" und "bastards". Podolskis 2:0 macht die Sache nicht besser - im Gegenteil: Die Stimmung wird kurzzeitig bedenklich aggressiv und der Alkoholpegel tut mittlerweile sein Übriges zur Erhitzung der Gemüter.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Thema
- Fußball-WM RSS
- WM 2010: Presseschau "Episches Duell mit dem Erzfeind" 24.06.2010
- WM 2010: Pressestimmen "Zerrieben und zerfleischt" 27.06.2010
- Fußball-WM: Stimmung Renaissance des Sommermärchens 28.06.2010
- WM 2010: Deutschland - Argentinien Date mit Diego 28.06.2010
- WM 2010: Deutsche Elf Hilflos in die Falle 28.06.2010
- WM 2010: Argentinien Was soll da schon schiefgehen? 30.06.2010
- WM 2010: Doping Der sanfte Jäger 30.06.2010
Union debattiert über Familienpolitik
Wembley heißt jetzt Bloemfontein
Standuhr und Quartalsspieler
Es müllert wieder
Die Fußballgötter
Horst Eckel wird 80
Ich arbeite gleich in der naehe der Brick Lane, bis heute ist mir da noch kein Pub aufgefallen, in dem besagtes Groelproletariat abhaengt. In dieser Gasse trifft man ausschliesslich Touristen und nervende Italiener. Aber ne Story is halt ne Story, ne?
vor dem Autor, den Engländern und deren Sportsgeist.
Ich fürchte, am kommenden Samstag wird es anders laufen, jedenfalls wenn Argentinien verlieren sollte.
Abgesehen vom Bier möchte ich aber auch noch einmal betonen, dass der Artikel wunderbar geschrieben ist - mehr von sowas!
Ich kann bestätigen, dass die Engländer im Allgemeinen absolut fair und sachlich sind, was Niederlagen angeht und die vielbeschworene Erzfeindschaft findet größtenteils in der Presse statt, meist in der "Sun" - aber anscheinend diesmal ja nicht einmal hier!!!
Auch heute noch habe ich Sky-Empfang und schaue mir die Spiele auf BBC oder ITV an - von Gary Lineker über Alan Shearer und wie sie alle heißen, alles sachliche, objektive und fachkundige Berichterstattung.
Große Klasse zum Beispiel auch, was Gerrard nach dem Spiel von sich gab, das ist wirklicher Sportsgeist.
Nein, das muss der legendäre Halbfinalsieg gegen England im Elfmeterschiessen gewesen sein...und in solch internationalen Pubs dürfte es eh keine ähnlichen Probleme geben, weil es den Iren bestenfalls egal ist, wie England spielt, und sich die Schotten sogar immer auf die Gegenseite schlagen werden ;-).
@harryPi: ist leider in mehreren ländern so... auch die griechen stehen voll auf stella, obwohl sie eigenes feines bier wie z.b. mythos haben. nach heineken und amstel hat eben stella dort einzug gehalten und das einheimische vertrieben :-(
sogar down under trinkt man die plörre...
Paging