Streit zwischen Tuchel und Watzke Dortmund driftet auseinander

  • Bei Borussia Dortmund vertiefen sich die Unstimmigkeiten zwischen Trainer Tuchel und Klubboss Watzke.
  • Wie der Verein mit dem Attentat auf den BVB-Teambus umging, passte dem Coach gar nicht.
  • Es geht um Verletzheiten, Autoritäten und Deutungshoheit in einer schwierigen Phase.
Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Ehestreitigkeiten können selbst beste Freunde des Paares meist nicht nachvollziehen. Trennungen kommen oft völlig überraschend. Hatte man doch bis zuletzt gedacht, dass alles in Ordnung sei - bis auf die paar üblichen Meinungsverschiedenheiten. Man schaut nicht hinein ins Innenleben von komplexen Beziehungen, kennt ihre geheime Chemie nicht und nicht die Verletztheiten.

Borussia Dortmund und sein Trainer Thomas Tuchel, 43, führen zwar keine Ehe, aber Fußballklubs bilden Beziehungskisten, und weil jeder Stammtisch und jedes Fanforum sich motiviert fühlt, das intime Innenleben aus der Distanz beurteilen zu wollen, gibt es mindestens so viele Fehlinterpretationen wie bei Paaren, die plötzlich alle mit ihrer Scheidung überraschen.

Dass der BVB mit einer wenig ansehnlichen, aber geschickten Taktik des Trainers Tuchel beim 2:1 (1:0) gegen Hoffenheim vorerst den dritten Platz zurückeroberte, der das Ticket zu den Champions-League-Millionen ohne vorherige Qualifikationsrunde garantiert, schien am Samstagnachmittag fast zur Fußnote zu schrumpfen. Hatte doch BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung zuvor erstmals bestätigt, dass er mit seinem Trainer über Kreuz lag in der Darstellung der Vorgänge nach dem Sprengstoff-Anschlag auf den Mannschaftsbus.

Zudem hatte Watzke erklärt, dass eine Vertragsverlängerung mit Tuchel, der bis 2018 gebunden ist, nicht nur vom sportlichen Erfolg abhänge, sondern auch von anderen Fragen: "Kommunikation, Strategie, Vertrauen." Das könnten harmlose Binsenweisheiten sein, würde es nicht die Vorgeschichte geben, dass Watzke und Sportdirektor Michael Zorc schon die ganze Saison hinter vorgehaltener Hand klagen.

Watzke spricht, Tuchel antwortet

Der Zwist zwischen Trainer und Klub-Führung beim BVB geht auch beim 2:1-Sieg gegen Hoffenheim weiter. Thomas Tuchel sagt, er habe für die Debatte "keine Energie übrig". Von Felix Meininghaus mehr ...

Das ist am Wochenende passiert

Tuchel hatte am Samstag eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Bemerkungen seines Vorgesetzten abgelehnt. Das Thema sei "zu groß für einen Spieltag", er wolle sich auf den Fußball konzentrieren, auf die kommenden Herausforderungen. Das klang staatstragend und richtig, und die Internet-Stammtische von Ultras und anderen Fans wollten mehrheitlich deshalb über Watzke herfallen. Immerhin den Fußball-Manager, der seit 2005 den BVB vom Konkurs-Kandidaten zu einem Top-Ten-Klub in Europa gemacht hat.

Aus dem Verein war am Sonntag zu hören, dass Tuchel doch einfach hätte zustimmen können: Ja, es gab einen Dissens. Na und? Extrem schwierige Situation, noch nie vorher da gewesen - da wird man unterschiedlicher Meinung sein dürfen. Offenbar wollte der BVB-Trainer diese Deeskalation aber nicht, sondern beanspruchte erneut die größere Moral und größere Weitsicht fürs große Ganze für sich.

Zur Erinnerung: Nach dem Anschlag musste das abgesagte Champions-League-Viertelfinale gegen AS Monaco neu angesetzt werden. Der Krisenstab, der sich in so schwerwiegenden Fällen streng nach einem Protokoll des europäischen Verbandes Uefa sofort zusammensetzt, hatte nach längeren Verhandlungen beschlossen: Das Spiel wird abgesagt, aber am Tag darauf nachgeholt. Tuchel wurde über den Stand der Dinge im Krisenstab telefonisch von Watzke benachrichtigt. Tuchel soll am Abend des Anschlags keine Einwände gegen eine solche Verlegung vorgebracht haben. So jedenfalls stellt es Watzke gegenüber der Süddeutschen Zeitung dar.