Real-Präsident Pérez Ohne Rücksicht auf Verluste

Real Madrids Präsident Florentino Pérez.

(Foto: REUTERS)

In einer Zeit, in der es Spanien zu zerreißen droht, zerlegt Real-Präsident Florentino Pérez die Nationalmannschaft des Landes in ihre Einzelteile. Er denkt dabei nur an sich.

Kommentar von Javier Cáceres

Spanien ist ein Land, das enormen Fliehkräften ausgesetzt ist - und das seit Jahrzehnten nichts Einigenderes kennt als eine gemeinsame Leidenschaft: den Fußball. Die Fliehkräfte wurden zuletzt vor allem in Katalonien wahrgenommen, das Einigende nicht nur, aber auch entlang der Erfolge der spanischen Nationalelf. Nicht, dass der Kreis derer, die beispielsweise für die Unabhängigkeit Kataloniens eintreten, durch Siege bei Welt- und Europameisterschaften kleiner geworden wäre. Im Gegenteil, er ist in den letzten Jahren sogar gewachsen. Aber guter Fußball kann eben auch so etwas wie Heimat sein. Schon lange bevor Begriffe wie Globalisierung oder Internet umherschwirrten, sehnten sich Menschen nach Brasilien, Garrincha und Pele, sie nannten ihre Kinder nach dem deutschen Kaiser Franz oder dem niederländischen König Johan. Und Legionen konnten sich zuletzt dem Zauber der spanischen Elf nicht verschließen. Auf allen Kontinenten. Aber eben auch in Spanien.

Das alles ist am Mittwoch im russischen Krasnodar mit großem Karacho in die Luft geflogen. Julen Lopetegui musste am Vorabend der WM als Nationaltrainer gehen, nachdem Real Madrid ihn als neuen Trainer verpflichtet hatte - und dies ohne jede Rücksprache mit dem Verband in die Welt hinausposaunte. "Por mis cojones", wie man in Spanien sagt, oder, um es etwas milder auf Deutsch auszudrücken: ganz dicke Hose markierend. Das war schon wegen seiner Beispiellosigkeit ein beeindruckender Vorgang.

Vor dem Hintergrund der politischen Fragilität eines Landes, in dem Monarchie, Kirche und Staat diskreditiert sind, war aber mehr als bloß erstaunlich, dass ausgerechnet Real Madrids Präsident Florentino Perez Hand an das vielleicht letzte verbleibende nationale Symbol legt. Denn er ist nicht nur das Sinnbild der Oligarchie, die das Land nach Gutdünken zu regieren scheint - auf der Ehrentribüne von Real Madrid tummeln sich Richter, Politiker jeder Couleur, Firmen- und Gewerkschaftsbosse, Chefredakteure, Regierungsmitglieder. Perez stammt auch noch aus demselben konservativen Milieu, das so gern patriotisch die rot-gold-rote Fahne hochhält. Ausgerechnet Perez also! Das ist von solch grandioser Ironie, dass es wie erfunden wirkt.

Was nur soll etwa Gerard Pique vom FC Barcelona denken, der in jedem Stadion Spaniens als Spaltpilz ausgepfiffen wird, weil er für ein Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens eingetreten ist (ohne sich selbst je für die Loslösung der autonomen Region ausgesprochen zu haben)? Jetzt, wo Perez, der so oft Anstand, Werte und gentlemanhaftes Verhalten für sich reklamiert, aus einem vor allem ökonomisch getriebenen Partikularinteresse heraus mal eben im Vorübergehen die Nationalelf in ihre Einzelteile zerlegt hat? Denn um nichts anderes geht es ja: die Geldmaschine Real Madrid am Laufen zu halten, ohne Rücksicht auf Verluste - solange sie Dritte tragen müssen, versteht sich. Denn Multimilliardär wie Perez wird man nicht, wenn man ans große Ganze denkt. Sondern erst mal und vor allem nur an sich.

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