Spanien vor der WM Ein Titelfavorit stürzt ins Chaos

  • Real Madrid verpflichtet Julen Lopetegui für die kommende Saison, am nächsten Tag ist Lopetegui seinen Job als Nationaltrainer der Spanier los. Nachfolger wird Fernando Hierro.
  • Verbandschef Luis Rubiales stört die Art und Weise, wie Real die Verpflichtung verkündet hat. Er setzte sich mit der Entlassung allem Anschein nach gegen das Votum diverser Schwergewichte des spanischen Kaders durch.
  • Die Lage wäre aber auch kompliziert gewesen, wenn er an Lopetegui festgehalten hätte.
Von Javier Cáceres, Krasnodar

Mit der Verpflichtung von Spaniens bisherigem Nationaltrainer Julen Lopetegui hat Champions-League-Sieger Real Madrid den Weltmeister von 2010 in ein absolutes und beispielloses Chaos gestürzt. Nach der völlig überraschenden Ankündigung Reals vom Dienstag, Lopetegui für die kommenden drei Jahre als Nachfolger von Zinédine Zidane zu engagieren, wurde der Trainer von Spaniens Fußballverband RFEF am Mittwoch gefeuert - nur 48 Stunden vor dem wegweisenden WM-Start der Spanier gegen Europameister Portugal in Sotschi am Freitag.

"Wir sehen uns gezwungen, auf den Nationaltrainer zu verzichten", erklärte Verbandschef Luis Rubiales zur weltweiten Überraschung auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz im Quartier der Spanier in Krasnodar. Wenige Stunden später verkündete der Verband, dass Teammanager Fernando Hierro das Amt übernehme. Die Real-Legende - Profi in Madrid von 1989 bis 2003 - hatte als Trainer zuletzt in der Saison 2016/17 den Zweitligisten Real Oviedo betreut. Zudem war der 89-malige Nationalspieler bei Spaniens WM-Sieg 2010 in Südafrika als Sportdirektor dabei.

Rubiales setzte sich allem Anschein nach gegen das Votum diverser Schwergewichte des spanischen Kaders durch. Allen voran Sergio Ramos, der als Emissär Real Madrids massiv Überzeugungsarbeit bei Lopetegui geleistet haben soll, sowie weitere Angestellte des Rekordmeisters warben inständig darum, den Basken nicht am Vorabend der WM abzusetzen. Ohne Erfolg. Er habe gar nicht anders handeln können, als ihn zu feuern, erklärte Rubiales. Man könne nicht darüber hinweggehen, dass hinter dem Rücken des Verbandes mit einem leitenden Angestellten verhandelt werde.

Es geht um Real Madrid gegen Spanien

Rubiales, der erst vor acht Jahren seine Karriere als Profifußballer beendete und seit wenigen Wochen dem Verband vorsteht, war von Real nach eigenen Angaben komplett überrumpelt worden. Er habe erst am Dienstag telefonisch erfahren, dass Lopetegui sich mit Real auf einen Dreijahresvertrag geeinigt habe und seine Ausstiegsklausel ziehen werde. Die besagt, dass er gegen Zahlung einer vertraglich festgelegten Ablöse von zwei Millionen Euro gehen dürfe - Peanuts für Real Madrid, die aber wohl nicht mal fällig werden nach dem Rauswurf Lopeteguis vor WM-Start.

Rubiales erklärte, dass er seinen Madrider Gesprächspartner vom Dienstag gebeten habe, mit der Ankündigung zu warten. Er befand sich zum Zeitpunkt des Telefonats in Moskau und wollte nach Krasnodar reisen, um mit Lopetegui zu sprechen. "Fünf Minuten später war das Kommuniqué (Real Madrids / d. Red.) in der Welt", sagte Rubiales: "So macht man die Dinge nicht." Zwar wollte Rubiales seinen Gesprächspartner nicht bekannt geben, weil er aber klar erklärte, dass die Veröffentlichung nicht auf Lopetegui zurückgegangen sei, kommt wohl nur Real-Boss Florentino Perez infrage. Das Verfahren des Anschlags auf Spaniens Nationalelf legt nahe, dass Perez den Zünder aktivierte.

Perez ist nicht nur ein Bauunternehmer, der in den Nullerjahren zu den strahlenden Symbolfiguren des Triumphs des Neoliberalismus in Spanien und persönlich zum Multimilliardär geworden war. Er "geht ohne andere Erwägungen als sein ureigenes Interesse durchs Leben", schrieb die Sportzeitung As am Mittwoch. In Madrid ist es ein offenes Geheimnis, dass die Erfolge der Nationalelf - die Triumphe bei der WM 2010 und bei den Europameisterschaften von 2008 und 2012 - jeweils Dorne im Auge von Perez waren. Zumal die letzten beiden Titel in Südafrika und der Ukraine unter der Führung von Vicente del Bosque errungen wurden, einem Trainer, mit dem Perez verfeindet ist und den er 2003 im Klub auf nachgerade schäbige Weise entlassen hatte. In Perez' Augen steht Real Madrid für die Marke Spanien - und nicht die Selección. Rubiales wiederum steht auf dem entgegengesetzten Standpunkt: "Es ist die Mannschaft aller Spanier. Es ist das Wichtigste, was wir haben", sagte er.