Fußball-EM in Polen und der Ukraine Höchste Zeit für ein Abenteuer im Osten

Diese EM dürfte längst nicht so bequem und reibungslos über die Bühne gehen wie vorausgegangene Turniere im Westen. Doch trotz aller Widrigkeiten wird die Öffnung des Fußballs gen Osten manche Begegnung ermöglichen, manchen Horizont erweitern. Europas Bezugsrahmen verschiebt sich, zehntausende Menschen verschieben sich mit - endlich.

Ein Kommentar von Claudio Catuogno

Dieses Turnier wird eine Entdeckungsreise - auch für Europa. Vor vier Jahren hatte sich Europa zum Wellness-Urlaub in Österreich und der Schweiz verabredet, man glitt im Eurocity zwischen Basel und Wien hin und her; bequem und fahrplanmäßig, so war die letzte EM. Diesmal wird es nicht so behaglich. Weniger vertraut. Wer sich auf den Weg macht, wird an Orte gelangen, von denen er nie zuvor gehört hat, er wird oft nur ächzend und ruckelnd vorankommen (etwa wenn sein Waggon in Przemysl auf ukrainische Spurbreite gehoben wird). Aber ächzend und ruckelnd wird diese Fußball-Reise manche Begegnung ermöglichen, manchen Horizont erweitern. Europas Bezugsrahmen verschiebt sich für drei Wochen nach Osten, Zehntausende Menschen verschieben sich mit. Es wird höchste Zeit.

Bloß: Wie soll ein Ereignis die Europäer einander näherbringen, das schon seine Ausrichter mehr entzweit hat als geeint? Beim EU- Mitglied Polen tut man inzwischen, als fände weiter östlich eher zufällig noch eine zweite EM statt, mit der man aber nichts zu tun hat. Das mag nicht dem Geist solcher Doppel- Veranstaltungen entsprechen, und gewiss gäbe es auch aus Polen genug zu berichten über korrupte Fußball-Patriarchen, Hooligans, gebrochene Versprechen. Was es in Polen dann aber doch nicht gibt: Oligarchen, die ihren Staat nicht bloß unterwandern, sondern de facto beherrschen (und die längst prächtig verdient haben an der Fußballsause). Geschäftsleute, die damit kokettieren, dass sie die EM-Besucher selbstverständlich über den Tisch ziehen werden (weil die Ukraine, so ein Pech aber auch, nun mal kein Rechtsstaat ist). Und einen Machthaber, der sich seine Rivalin als politische Gefangene hält.

Der Umgang mit der einstigen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko hat es am Ende nur überdeutlich gemacht: Fußballparty, Abzocke und politische Willkür müssen irgendwie miteinander klarkommen bei dieser EM. Das ist das Problem. Der deutsche Kapitän Philipp Lahm hat ein paar kluge Sätze dazu gesagt, er hat etwa den Uefa-Präsidenten Michel Platini aufgefordert, auch mal das Wort zu ergreifen für Menschenrechte und ethische Standards. Lahm ist damit allerdings nicht nur eine Ausnahme gewesen. Er wurde auch prompt von Karl-Heinz Rummenigge zurückgepfiffen, seinem Klub-Chef daheim beim FC Bayern.

Schweigen, Wegschauen, das gehört im Sport zum Geschäft. Vielleicht kommt der Reisende ja auch mit dieser Erkenntnis aus der Ukraine zurück: dass der Fußball dem umstrittenen Ausrichter seiner Europa- Festspiele gar nicht so unähnlich ist.

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