21. Dezember 2012 18:13 Verurteilter Bayern-Profi Breno Gefragter Häftling

Der wegen Brandstiftung inhaftierte Bayern-Spieler Breno hat einen Vertrag beim FC São Paolo unterschrieben - behaupten die Brasilianer. Stimmt nicht, sagt der Fußballer selbst und verweist auf seine Manager. Fest steht: Auch mehrere deutsche Klubs bekunden ihr Interesse, Hoffnung für Breno kommt vor allem aus dem Norden.

Von Michael Neudecker

Neulich haben sie Breno von Süleyman Koç erzählt, da hat Breno sich gefreut, sagt Steffen Ufer, Brenos Anwalt. Süleyman Koç ist ein deutsch-türkischer Fußballprofi, der beim SV Babelsberg spielt, in der dritten Liga, mehrere Zeitungen haben über ihn berichtet, zuletzt der Stern vor einer Woche: Über den Fußballer, der im Gefängnis sitzt und doch Fußballer sein kann. Irgendjemand hat Breno dann noch die Zeitschrift in die Hand gedrückt, als Beweis: Es gibt Hoffnung.

Der Fall Koç ist jetzt ein Vorbild für Breno, er ist dem Fall Breno ja sehr ähnlich. Koç, Jahrgang '89, sitzt in Berlin im Gefängnis, drei Jahre, neun Monate wegen schweren Raubes, er galt als Talent, als er verhaftet wurde; Breno, ebenfalls Jahrgang '89, sitzt in München-Stadelheim, drei Jahre, neun Monate wegen schwerer Brandstiftung. Er galt nicht nur als Talent, er war Profi bei Bayern München, ein brasilianisches Juwel, verpflichtet für zwölf Millionen Euro Ablöse. Der Unterschied aber ist: Koç darf als Fußballprofi arbeiten. Seit November lebt er im offenen Vollzug, hat Freigang von 8 bis 22 Uhr, er trainiert und spielt beim SV Babelsberg, für Auswärtsspiele bekommt er eine Sondergenehmigung, nur zum Schlafen kommt er ins Gefängnis. Koç ist Stammspieler.

Breno trainiert in der JVA Stadelheim, so gut es eben geht, manchmal darf er zum Arzt des FC Bayern, zu Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, zweimal im Monat darf Breno Besuch empfangen, je eine halbe Stunde lang. Breno ist Häftling.

Am Donnerstagabend nun wurde die Mitteilung veröffentlicht, Breno habe einen Vertrag beim FC São Paulo unterschrieben, der Vertrag sei bereits beim brasilianischen Fußballverband eingereicht worden, er sei datiert bis 7. Oktober 2015 und werde mit Brenos Freilassung gültig. Der FC São Paulo selbst hat das verkündet, auf seiner Homepage, sechs Absätze, überschrieben mit "Nota Oficial: Breno".

Ein Vertrag? Ja, sagt Anwalt Steffen Ufer, er habe das gelesen, und er habe mit Breno gesprochen: Breno habe ihm versichert, er habe nichts unterschrieben, aber es könne sein, dass einer seiner Manager eine Vereinbarung getroffen habe. "Wirksam würde die aber erst mit Brenos Unterschrift", sagt Ufer. Er atmet kurz durch, die Sache kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Eine Vertragsunterschrift wäre "zum jetzigen Zeitpunkt kontraproduktiv", sagt Ufer, er ist Jurist, diplomatisch formulieren ist sein Beruf.

Ein Wechsel ins Ausland, sagt Ufer, sei ohnehin erst dann ein Thema, wenn Breno die Strafe in Deutschland hinter sich gebracht habe, in welcher Form auch immer. Notfalls müsste Breno warten, bis er abgeschoben wird, in einem Jahr, vielleicht später, dann hätte er in Deutschland Einreiseverbot, könnte überall sonst aber arbeiten, seine Schuld gilt dann als beglichen.

Freilassung? Die Dinge liegen da doch etwas komplizierter.

Einen Tag, bevor die Meldung aus São Paulo bekannt wird, sitzt Steffen Ufer in seinem Büro in der Münchner Seidlstraße, große Fenster, großer Schreibtisch, er hat schon viele Prominente vertreten, ein paar Wochen nach dem Urteil hat er auch den Fall Breno übernommen. Breno hat in der Nacht auf 20. September 2011 das Haus in Grünwald angezündet, in dem er wohnte, das ist laut Urteil des Landgerichts München I aufgrund einer "lückenlosen Indizienkette" erwiesen. Ufer legte Revision ein, wegen Fehler im Verfahren und in der Urteilsbegründung, die Revision ist beim Bundesgerichtshof. Außerdem hat er eine Verfassungsbeschwerde eingelegt: Weil die Revision noch läuft, ist Breno Untersuchungshäftling, und in vergleichbaren Fällen sei es unüblich, den Verurteilten bis zum endgültigen Urteil zu inhaftieren, sagt Ufer, wenn der Verurteilte sich an alle Auflagen gehalten hat. Breno, sagt Ufer, habe genau das getan, "er hat alles gemacht, was man von ihm wollte" - vorausgesetzt, er hat wirklich keinen Vertrag im Ausland unterschrieben. Die Entscheidung über die Beschwerde könnte bald fallen, vielleicht schon in den nächsten Tagen.

Bis eine Entscheidung über die Revision fällt, dürfte es dagegen noch dauern, "zwei Monate, vielleicht länger", sagt Ufer. Sollte die Revision zurückgewiesen werden und das Urteil bestätigt werden, hat sich Ufer schon einen Plan überlegt: Er könne, sagt er, sich eine Lösung wie jene im Fall Koç "gut vorstellen". Mehrere Vereine haben schon bei ihm angefragt, der FC Bayern würde Breno mittrainieren lassen, erst vor ein paar Tagen hat Uli Hoeneß bei Ufer angerufen, man kennt sich von früher; Hoeneß will Breno demnächst besuchen. Der 1. FC Nürnberg hat ebenfalls Hilfe angeboten, auch Jahn Regensburg habe sich gemeldet, sagt Ufer, vor allem aber haben mehrere Klubs außerhalb des Freistaats Interesse bekundet, und das könnte nun Brenos größte Chance sein.

Der bayerische Staat ist streng, der Norden und der Westen der Republik sind liberaler. Ein offener Vollzug wie der von Süleyman Koç wäre in Bayern wohl eher schwer vorstellbar, aber in Berlin? In Hamburg? In Köln? Sollte die Revision zurückgewiesen werden, erwägt Steffen Ufer, eine Verlegung des Häftlings zu beantragen.

Ein Fußballprofi ist kein normaler Arbeitnehmer, deshalb ist auch die Resozialisierung bei einem Fußballprofi speziell: Er hat nur ein paar Jahre, um seinen Beruf auszuüben und damit in ein stabiles soziales Umfeld zurückzukehren. Wie stabil Brenos Umfeld ohne Fußball wäre, ist schwer zu beurteilen, auch Steffen Ufer will dazu nichts sagen. Mehrere Manager, die deutlich ältere Frau, die sich zwar sehr kümmert, aber doch auch dominant auftritt, überfordert ist: schwieriges Thema.

Steffen Ufer besucht Breno regelmäßig, vor kurzem erst hat er ihm mehrere hundert Unterschriften von Nürnberger Fans mitgebracht, um ihn aufzumuntern. In Stadelheim sei Breno beliebt, "weil er freundlich ist, er strahlt immer alle an". Wie es Breno gehe? Ganz gut, sagt Ufer.

So gut eben, wie es einem als Häftling gehen kann.