Kreuzfahrt in Patagonien Der Albatros, der dich am Ende der Welt erwartet

Wenn sich gigantische Teile des Pia-Gletschers im Beagle-Kanal lösen, kommt das Schiff leicht ins Schaukeln.

(Foto: Australis)

Auf Expeditionskreuzfahrt in Patagonien erleben die Passagiere eine sehr raue Natur - und spüren, warum Seeleute bis heute das Kap Hoorn derart fürchten.

Von Willi Winkler

Keiner weiß so genau, ob der große Aufschneider Bruce Chatwin wirklich bis ganz nach unten, bis in die Hafenstadt Punta Arenas gekommen ist, aber Kap Hoorn hat er auf seiner Reise durch Patagonien bestimmt nicht erreicht. So hätte er auch nicht auf einen einsamen chilenischen Offizier treffen können, wie er jetzt mit der russengroßen Tellermütze auf der steilen rutschigen Treppe steht und jeden Besucher mit Handschlag begrüßt. Frau und Kinder sind das ganze Jahr über dabei, aber auch mit ihm eingesperrt unterm rot-weißen Leuchtturm auf diesem Felsen, sturm- und regenumtost, ganz am Ende der Welt.

Vermutlich böte manches Gefängnis mehr Auslauf. Seine Inspektionsgänge führen den Wächter über einen botanischen Lehrpfad und einen Steg hinauf an das halbwegs reparierte Denkmal für Tausende, vielleicht Zehntausende Seeleute, die in der rauen See dort unten ertrunken sind beim Versuch, die Südspitze des Kontinents zu umschiffen. Viele haben es versucht, Sir Francis Drake soll sogar in hochgeheimer Mission durchgeschippert sein, aber es war dann Kapitän Willem Cornelisz Schouten, der das Kap vor 400 Jahren als erster lebend bewältigte. Er stammte aus der holländischen Stadt Hoorn, die seine Expedition finanzierte; daher der Name.

Die Ureinwohner Patagoniens kamen selbst dem neugierigen Charles Darwin unheimlich vor

Heute besitzt Chile den steil aus dem Meer ragenden Felsbrocken, und die Schriftstellerin Sara Vial aus Valparaíso hat letzte Worte für die Marinos Muertos gefunden, für die Seeleute, die hierher segelten und starben. Wind und Wetter haben den pathetischen Versen auf der Stahlskulptur zugesetzt, aber das Wichtigste steht noch immer da: "Soy el albatros que te espera en el final del mundo", ich bin der Albatros, der dich am Ende der Welt erwartet. Und da es sich bei dieser Kreuzfahrt um eine mustergültig organisierte Reise handelt und jetzt der Höhepunkt erreicht ist, spannt genau in diesem Augenblick hoch oben über der wildbewegten See ein echter Albatros die Flügel auf.

Beinahe hätte dieses unwirtliche Trumm zwischen Atlantik und Pazifik die übrige Welt sogar um die Evolutionslehre gebracht. "Kap Hoorn forderte allerdings seinen Tribut und jagte uns noch vor Einbruch der Dunkelheit eine steife Brise geradewegs in die Zähne", wie der junge Forscher Charles Darwin an Weihnachten 1832 notierte. "Wir hielten hinaus auf die See und erst am zweiten Tage wieder dem Land zu, als wir auf unserer Windseite dieses berüchtigte Vorgebirge zum ersten Mal richtig sahen, von Nebel verschleiert, die undeutlichen Umrisse umgeben von einem Sturm aus Wind und Wasser. Über den Himmel tobten große schwarze Wolken, und Regen und Hagel stürzten mit solcher außergewöhnlichen Heftigkeit auf uns herab, dass sich der Kapitän entschloss, in Wigwam Cove einzulaufen."

Ein wenig arbeitswilliger Theologe mit einem Faible für tote Käfer war Charles Darwin, als er im Marinestützpunkt Devonport bei Plymouth an Bord der Beagle ging, um Kapitän Robert FitzRoy als gebildeter Gentleman bessere Gesellschaft zu leisten. Er war neugierig, aber in Patagonien kam ihm alles so fremd vor, die Ureinwohner so fern, dass ihn Zweifel daran beschlichen, sie könnten "die gleiche Welt wie wir" bewohnen. Im günstigsten Fall erinnerten ihn die Yámana mit ihrer Bemalung an den Teufel in Carl Maria von Webers Oper "Freischütz". Nackt waren sie außerdem, mit einer höheren Körpertemperatur gesegnet, wie im Bordvortrag erzählt wird, nachts wärmten sie sich an Lagerfeuern. Daher der Name: Tierra del fuego, Feuerland.

Die wilden Feuerländer oder Patagonier waren größer als die Seefahrer aus Europa, die deshalb bald von Riesen raunten und von Ungeheuern, die sich dort unten ganz gewiss tummelten. Robert FitzRoy brachte einen Missionar mit; als christlicher Seefahrer wollte er die nackten Feuerländer zu guten Christenmenschen umerziehen, sie wollten aber gar nicht. Angeblich kannten sie keine Hierarchien, die Familie war um die Mutter organisiert, sie lebten auf Booten, ausgehöhlten Baumstämmen, fischten und jagten und brauchten niemanden. Doch wurde Gold entdeckt, Siedler schleppten Krankheiten ein. Heute sind sie so gut wie ausgestorben.

Seit Bruce Chatwin 1977 sein Sehnsuchtsbuch "In Patagonien" herausbrachte und sich ein Holzhaus in Feuerland vorstellte, "wo man leben konnte, wenn die übrige Welt in die Luft flog", ist die Welt am Ende der Welt nicht mehr ganz ausgestorben. Nicht mehr nur Walfänger und Handlungsreisende suchen diesen zugigen Fleck auf, es sind Bergsteiger, Einsamkeitsfanatiker, die Leser Chatwins.