Mit einem Sessel auf Weltreise "Ein bisschen Wahnsinn gehört dazu"

Wo er auch hinkommt, er sorgt für Aufsehen: La Silla, der rote Sessel. Hier freuen sich Kinder in Laos über den Besuch.

(Foto: Stefan Sirtl)

Das rote Polstermöbel stand beim Sperrmüll am Straßenrand. Der Freiburger Stefan Sirtl nahm den Sessel mit - und lässt nun Menschen auf der ganzen Welt darauf für ein Foto Platz nehmen.

Von Sarah K. Schmidt

Der Freiburger Stefan Sirtl hat den großen, roten Sessel nicht nur vor dem Verschrotten gerettet, er hat ihn aufgemöbelt und ist mit ihm durch Mittelamerika und Asien gereist. Daraus hat der 32-jährige Physikdoktorand und Hobbyfotograf das Projekt "Sientate" entwickelt, "Setz dich" auf Spanisch.

Die erste Reise führte "La Silla" nach Mexiko, Guatemala, Costa Rica und Panama, die zweite nach Vietnam, Laos, Thailand und Kambodscha. Wer möchte, darf in dem weichen Sessel Platz nehmen und Sirtl macht ein Foto - mehr als zehntausend Menschen wollten schon.

Süddeutsche.de: Die fabelhafte Amélie schickt einen Gartenzwerg auf Tour, Stoffhase Felix sendet Postkarten aus aller Welt: Ständig verreisen irgendwo Gegenstände. Was ist das Besondere an einem Sessel?

Stefan Sirtl: In einem Sessel können Menschen Platz nehmen - ganz einfach. Meine Intention ist es nicht, möglichst verrückt zu reisen. Bei mir sitzen die verschiedensten Leute alle in demselben, bequemen Möbelstück. Außerdem erregt La Silla natürlich Aufmerksamkeit. Knallrot und klobig, das ist ein Hingucker. Wenn du mit so einem Teil in Nicaragua auf einem Marktplatz sitzt, kommst du ganz schnell mit den Leuten ins Gespräch. Ich wünschte mir auch manchmal, ich hätte etwas Leichteres erwischt. Aber die Idee mit dem Sessel hat mich nun einmal gepackt, jetzt muss ich mit den Strapazen leben.

Sie sind dem Sessel in Heidelberg begegnet. Bis nach Panama ist es dann aber noch ein weiter Weg ...

Angefangen hat das alles mit einer verrückten Aktion. Ich kam angeheitert am frühen Morgen von einer Party und habe diesen Sessel bereit für den Sperrmüll am Straßenrand stehen sehen. Ich fand ihn so schön, dass ich ihn mitgenommen habe. Ich hatte mir kürzlich meine erste Spiegelreflexkamera gekauft und noch unterwegs kam mir die Idee, eine Freundin mit dem Sessel in die Einkaufsstraße von Heidelberg zu setzen. Um sie herum wuseln die Leute, sie sitzt völlig unbeeindruckt in diesem schönen roten Polstersessel und liest Zeitung.

Dann sind aber alle Leute stehen geblieben und haben gefragt, ob sie ein eigenes Foto kriegen, weil sie das Motiv so toll fanden. Am Abend hatte ich dann 200 Bilder von wildfremden Leuten unterschiedlichster Nationen, Japaner, Amerikaner, in Heidelberg sind ja viele Touristen unterwegs. Und alle saßen sie in diesem Sessel. Da kam mir die Idee, mit dem Sessel auf Reisen zu gehen.

Schwer bepackt sind Stefan Sirtl und seine Freundin Indre Leseviciute durch Vietnam, Laos, Thailand und Kambodscha geradelt.

(Foto: Michael PeterCraciunescu; Stefan Sirtl)

Nach Zentralamerika waren Sie nun mit Ihrer Freundin und La Silla in Indochina unterwegs. Waren die Reaktionen auf den roten Sessel unterschiedlich?

In Mittelamerika war das ein Selbstläufer - allerdings spreche ich auch Spanisch. So konnte ich den Leuten das Projekt leicht erklären. Das war in Asien anders, da musste ich mich mit Händen und Füßen ausdrücken. Und außerdem sind die Asiaten sehr viel zurückhaltender. In Lateinamerika haben mich alle sofort angesprochen, in Indochina konnten viele das nicht so richtig nachvollziehen, dass jemand mit einem roten Sessel herumfährt und das fotografiert. Dabei hatte ich für die zweite Reise sogar extra eine Mappe mit Bildern zusammengestellt, die ich schon gemacht hatte. Doch auch die einzelnen Länder in den Regionen unterscheiden sich noch einmal.

Inwiefern?

Vietnam habe ich als ein extrem hektisches, überfülltes Land kennengelernt, das noch tief im Kommunismus steckt. In Hanoi wirst du morgens um sechs Uhr von Lautsprecher-Parolen geweckt. Es gibt auch keine Kunst auf der Straße. Da läufst du mit einem roten Sessel durch die Gegend und keiner reagiert. Es war ganz schön schwer, an die Leute ranzukommen - meist mussten wir erstmal ein paar Schnäpse trinken, als Eingangsprüfung quasi.

Laos war dann ganz anders. Alles ist plötzlich ruhig, die Natur schön und es liegt da so eine Romantik in der Luft. Das Land ist vom Buddhismus geprägt, die Leute sind traditionsbewusst. Und Laos ist noch nicht so von Touristen überlaufen - da laden die Menschen einen noch gerne nach Hause ein. Die Thailänder sind zwar ebenfalls freundlich, aber die haben das mittlerweile schon kapiert mit dem Tourismus.

Eine Beobachtung, die wir schon in Lateinamerika gemacht haben, ist, dass die Leute gerade in den ärmeren Ländern ein extrem offenes Herz haben. Sie sind mir so aufgeschlossen und nett begegnet, ohne jeglichen Hintergedanken, was man aus mir finanziell rausholen könnte. Das ist in Laos und Kambodscha so, aber auch in Costa Rica und Panama. Du wirst nach Hause eingeladen und die Leute fühlen sich in ihrer Ehre verletzt, wenn du ihnen dafür etwas Geld geben möchtest.

Auch wenn "La Silla" sehr fotogen ist, bis der Sessel richtig in Szene gesetzt ist, kann es dauern.

(Foto: Michael PeterCraciunescu; Stefan Sirtl)

Auf Ihrer zweiten Tour waren Sie nicht mehr mit dem Bus, sondern mit dem Fahrrad unterwegs - wie verändert dies das Reisen?

In Mittelamerika fand ich immer schade, dass der Bus nur in den Touristen-Orten hält. Mit dem Fahrrad kannst du anhalten und abbiegen wie du willst. Aber du musst den Sessel auch über Berge mit tausend Höhenmetern ziehen. In Mittelamerika wog La Silla noch 35 Kilo. Ein Schrauber hier in Freiburg hat den Sessel zwar runtergepimpt auf 25 Kilo, Mountainbike-Reifen montiert und noch ein Spezialfach für die Ersatzkamera eingebaut, aber das ist trotzdem richtig Gewicht. Ich habe etwa 50 Kilo gezogen, meine Freundin 40 - ein bisschen Wahnsinn gehört dazu, so was zu machen.

Erst wollten wir alles radeln, aber ziemlich schnell haben wir uns entschieden, Teile der Strecke zu trampen, damit wir auch noch Zeit und Kraft für das Projekt haben.

Wie laufen die Aufnahmen ab?

Das Shooting dauert! Bis der Sessel abgeschnallt ist und die Kamera steht, außerdem will ich die Leute in Szene setzen, sodass es zu ihnen passt. Ein Reisbauer ist mit dem Sessel bestimmt zwei Stunden durch sein Feld gestapft, bis er mit seiner Position zufrieden war. Meist kommt die ganze Verwandtschaft aus dem Dorf dazu, um zu schauen, was passiert. So ein verrückter Ausländer mit Sessel und Kamera kommt schließlich nicht jeden Tag vorbei.

Auf den Porträtaufnahmen posieren die meisten Leute sehr würdevoll. Gerade im Kontrast zu all den Handyschnappschüssen erinnern mich manche der Fotos an die inszenierten Familienbilder vergangener Zeiten.

Das stimmt. Die Leute nehmen das jedenfalls sehr ernst. Und neulich hat eine Kunsthistorikerin in der Begrüßungsrede bei einer Vernissage von mir gesagt, dass der Sessel früher ein wichtiges Stilelement in Fotos war. Schon allein, weil sich der Porträtierte daran festhalten konnte und das Bild dann nicht verwackelt war. Das wusste ich gar nicht.

Gab es eine Begegnung, die Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist?

In Vientiane, der Hauptstadt von Laos, hat mich ein Mönchsnovize namens Mo angesprochen und in seinen Tempel eingeladen. Dort hat er wie in einer Art WG gelebt.

Ich habe dann den Fehler gemacht und ihm erzählt, dass ich Physiker bin und am Cern arbeite. Plötzlich saßen zehn Novizen um mich herum und ich musste ihnen erklären, wie das alles funktioniert mit der Teilchenphysik. Irgendwann ist mir eingefallen, dass ich ja eigentlich ein Foto machen wollte, da ging schon die Sonne unter.

Mit dem letzten Licht des Tages ist dieses Foto von Mo entstanden.

(Foto: Stefan Sirtl)

Später hat Mo mir sein Zimmer gezeigt, und was hängt da für ein Poster an der Wand? Albert Einstein. Und daneben steht: "Wenn sich eine Religion mit den Naturwissenschaften verträgt, dann ist es der Buddhismus." Da fährt man weiter mit seinem Sessel und denkt: Was war das denn jetzt gerade?

Sitzen Sie eigentlich auch selbst in La Silla, wenn Sie mal ein Päuschen brauchen?

Klar, dann stellst du den Sessel am Strand ab, setzt dich rein, trinkst einen Caipirinha und schaust den Sonnenuntergang an - das ist schon toll. Ich kann das nur wärmstens empfehlen, mit Sessel zu reisen.

Auch La Silla hat interessante Reisebekanntschaften gemacht - mit den Liegestühlen hat sich der Sessel bestens verstanden.

(Foto: Stefan Sirtl)

Noch bis zum 19. Dezember sind Fotografien des Projekts in der Mensabar in Freiburg ausgestellt.