Erdbeben in Italien Jenseits der roten Zone von Ischia

Seit dem Erdbeben im August im Golf von Neapel meiden viele Gäste die Insel Ischia. Dabei gibt es gute Gründe, gerade jetzt dorthin zu reisen.

Von Dieter Jaeschke

Die milde Morgensonne wärmt die Terrasse des Hotels Paradiso Terme in Forio. Der Duft ofenwarmer Hörnchen zieht vom Frühstücksbuffet herüber, frisches Obst steht bereit. Annamaria Sammarco und ihr Kellnerteam stehen an der Glastür, die das Restaurant von der Terrasse trennt. Sammarco, 43, eigentlich eine fröhliche Frau mit langem schwarzen Haar, blickt etwas ratlos in die Ferne. Hinter der Terrasse fällt der Blick auf eine Poollandschaft inmitten von Bougainvillea und Oleander, dahinter schimmert silbern das Tyrrhenische Meer. Ein grauer Fleck ist im Morgendunst zu erahnen: Ventotene, eine der Pontinischen Inseln. Es ist Anfang September, eine der schönsten Reisezeiten für die Insel Ischia. Doch auf der Terrasse sind erst zwei Tische besetzt, und auch später werden nur ein paar Gäste vorbeischauen, um sich für den Tag zu stärken.

"Nach dem Erdbeben sind mehr als 50 Prozent der Buchungen für September und Oktober abgesagt worden", sagt Mimmo Romano, der mit zwei Brüdern das Hotel betreibt. "Für einen Familienbetrieb ist das eine Katastrophe." Der 56-Jährige steht mit seiner Schwägerin Alexandra an der Rezeption des 76-Zimmer-Hauses, der weiße Keramikboden ist mit blau-grünen Majoliken gefliest, wie es am Golf von Neapel Tradition ist. Wieder blinkt eine neue Mail auf dem Monitor auf. "Storno", steht knapp in der Betreffzeile. "Das haben wir dieser Sensationsberichterstattung zu verdanken", klagt Mimmo Romano, und seine Miene mit den sonst so milden Philosophenaugen verdüstert sich.

Rückblende: Ein Erdbeben der Stärke 4,0 erschüttert Ischia am 21. August um 20.57 Uhr. Im höher gelegenen Teil des Ortes Casamìcciola Terme stürzen sieben Häuser ein, zwei Straßenzüge in den Vierteln La Rita und Fango sind verwüstet. Zwei Frauen werden von Trümmern erschlagen, 42 Menschen verletzt, Hunderte verlieren an diesem Abend ihr Zuhause. Die Fernsehbilder: Feuerwehrleute ziehen den sieben Monate alten Pasquale aus dem Schutt, die Bergung seiner sieben und elf Jahre alten Brüder Mattias und Ciro gelingt am nächsten Morgen.

Halb Italien verfolgt das Drama am Bildschirm. Obwohl der Erdstoß nur in zwei Stadtvierteln gravierende Schäden hinterlässt, ist er auf der ganzen Insel zu spüren. Verschreckte Touristen verbringen die Nacht im Freien, in Scharen verlassen sie die Insel im Morgengrauen mit den ersten Schnellbooten. Während der Zivilschutz die Rettungsarbeiten koordiniert, geht für viele Urlauber die Sommerfrische aber auch einfach weiter.

Normalerweise genießen Gäste um die Jahreszeit Biancolella, den Weißwein vom Inselberg

"Der Erdstoß war deutlich zu spüren", sagt der Mindener Informatikprofessor Dominic Becking, der das Beben im Hotel San Giorgio im Ort Barano erlebt hat. "Als ob man auf einer Platte gestanden hätte, die horizontal hin- und herbewegt wird. Gleichzeitig gab es eine Art Knall, und der Strom fiel aus." Becking und seine Frau Birgit reisten nicht ab. "Nach ein paar Minuten war der Strom schon wieder da, und wir wurden von unserem Hotelpersonal mit Informationen und Zuspruch gut umsorgt." Kein Grund also für die Beckings, auf das Dolcefarniente zu verzichten, für das die Insel so berühmt und so beliebt ist. Sie besuchen Thermalgärten und baden in dem wohltuenden Wasser, wandern am Maronti-Strand; genießen die farbenprächtige Vegetation und Pasta mit Meeresfrüchten bei einem Glas Biancolella, dem herb-trockenen Weißwein, der an den Hängen des Inselbergs Monte Epomeo gedeiht.

Doch zugleich ist in Italien mediale Hysterie ausgebrochen: Viele private TV-Sender berichten von angeblichen Versorgungsengpässen und Stromausfällen; von der Unterbrechung des Bootsverkehrs zum Festland. Dazu wiederholen sie ständig Bilder der eingestürzten Häuser und der Rettungsaktion. Es sind die Bilder, die hängen bleiben. Nach dem ersten Schrecken versuchen Politiker und Funktionäre, die Stimmung wieder einzufangen.

"Es gibt überhaupt keinen Grund, seinen Urlaub abzusagen", sagt Vincenzo De Luca, Präsident der Region Kampanien. "Die Infrastruktur der Insel ist intakt." Auch Prominente wie die römische Schauspielerin Sabrina Ferilli ("La Grande Bellezza - Die große Schönheit") und die Sängerin Laura Pausini bekunden ihre Solidarität in den sozialen Netzwerken - eher vergeblich.

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Auch große Häuser mit internationalem Publikum sind von den Stornierungen betroffen. "40 Prozent", sagt Maurizio Orlacchio knapp. Er ist Direktor des Hotels San Montano, eines Fünf-Sterne-Hauses mit 72 Zimmern, das auf einem dem Ort Lacco Ameno vorgelagerten Felsplateau liegt und Ausblicke auf den Golf von Neapel und die Insel selbst bietet. "Gäste aus ganz Europa haben abgesagt, auch viele unserer deutschen Stammgäste, die gerade in dieser Jahreszeit gerne kommen."