Chamois im Aostatal Die andere Seite des Matterhorns

Urlaub wie in einer anderen, einer längst vergangenen Zeit: Chamois ist eine der höchstgelegenen Gemeinden Italiens.

(Foto: Hans Gasser)

Ein Dorf in Italien, in das man nicht mit dem Auto fahren kann? Ganz recht. Chamois im Aostatal ist nur mit der Seilbahn zu erreichen. Das ist bei Weitem nicht sein einziger Vorteil.

Von Hans Gasser

Emilio hat einen Traum. Emilio Lettry, 83, sitzt in seiner überheizten Küche, schürt noch ein Stück Lärchenholz in den alten Metallofen, es knistert und knackt. Dann zeigt er zum Fenster. "Da draußen könnte man einen schönen Stall bauen, für zwölf bis 15 Kühe. Wir haben ja alles hier, Wiesen und Quellwasser im Überfluss." Die Wiesen liegen unter einer frischen Schneeschicht, es hat minus neun Grad. Der Blick des Alten geht nun in die Ferne, seine Augen wirken viel jünger, als es die weißen Haare und der Mund mit den paar übrig gebliebenen Zähnen erahnen lassen. "Kleine Käselaibe könne man herstellen, Buttermilch und Sahne, und an die Touristen verkaufen. Aber wer, frage ich dich, wer soll die ganze Arbeit machen?"

Er jedenfalls nicht mehr. Emilio Lettry ist der letzte Bewohner von Suisse, dem entlegensten Ortsteil der an sich schon ziemlich entlegenen Gemeinde Chamois im Aostatal. Das Matterhorn steht nur 15 Kilometer Luftlinie nördlich von hier. Ein halbes Dutzend Häuser, gemauert aus grobem Stein, hat Suisse, das so heißt, weil der erste Siedler ein Schweizer Schmuggler gewesen sein soll. Die meisten Ortsnamen im autonomen Aostatal sind auf Französisch, das neben Italienisch auch Amtssprache ist. Emilio spricht wie viele seiner Generation Patois, eine alte franko-provenzalische Sprache. Die meisten Steinhäuser in Suisse sind schön saniert, aber unbewohnt. Es sind Ferienhäuser wohlhabender Menschen aus Turin oder Mailand, die ihren Urlaub hier verbringen, sonst aber das bequemere Stadtleben vorziehen.

Emilio Lettry wohnt seit seiner Geburt in Chamois, etwas anderes kann er sich gar nicht vorstellen. "Ein paar Tage in der Stadt und ich wäre tot." Er war immer Bauer, hatte Kühe und baute Roggen an, der hier auf 1800 Metern hervorragend gewachsen sei, und er flocht Tausende Körbe, die er an die Touristen verkaufte. "Dass ich eines Tages Milch aus dem Karton trinken muss, das konnte ich mir im schlimmsten Traum nicht vorstellen." Emilio sagt das nicht verbittert. Er macht seine Späßchen über die Welt, deren Logik er nicht mehr so ganz versteht.

Etwa, warum die Jungen nicht glücklich seien, obwohl sie doch Geld und Auto und Wohnung hätten. "Ich bräuchte nur eine Frau, die meinen Traktor fahren darf", sagt er grinsend. Denn der Bürgermeister habe ihm verboten, ins Dorf zum Einkaufen zu fahren, da er keinen Führerschein besitze und die Polizisten neuerdings bis nach Chamois herauf zum Kontrollieren kommen. Dafür müssen selbst die Polizisten die Seilbahn nehmen, denn Chamois ist laut Eigenwerbung die einzige Gemeinde Italiens, die nicht mit dem Auto erreichbar ist, und zwar sommers wie winters.

An der Bergstation des dritten Sessellifts: Von hier, endlich, sieht man das Matterhorn. Unverkennbar und beeindruckend.

(Foto: Hans Gasser)

700 Höhenmeter überwindet die Seilbahn steil aus dem wilden Valtournenche bis ins Ortszentrum von Chamois auf 1800 Meter Höhe. In wenigen Minuten wird man in eine andere Welt katapultiert: Die wichtigsten Gebäude rund um den Dorfplatz sind die Seilbahnstation, daneben die Kirche; ein von der Schneekugel bis zum BH alles führender Gemischtwarenladen namens Bazar; das hölzerne Rathaus und gleich daneben die Talstation eines alten, orangefarbenen Zweier-Sessellifts, der die Gäste langsam die sanft ansteigenden Südhänge hinaufschaukelt. So muss Skiurlaub 1975 ausgeschaut haben. Ganz oben, heißt es, soll man den Monte Cervino sehen, wie das Matterhorn auf Italienisch heißt. Das ist natürlich ein großes Versprechen.

Auf der Piste, in der Loipe

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Autos gibt es keine, das ist mehr als angenehm, die Wege und Straßen zwischen den fünf verschiedenen Ortsteilen sind zum Teil recht steil und jetzt im Winter rutschig. Die Einheimischen und Stammgäste ziehen sich kleine Steigeisen unter die Schuhe. Die Neulinge setzen sich ab und zu auf den Hintern. 101 Einwohner hat Chamois, im Winter wohnen aber nur etwa 60 hier, vor allem ältere Leute. "Das ist unser großes Problem", sagt der Bürgermeister Remo Ducly, ein Endvierziger mit starkem Kinn, der hauptberuflich bei der Seilbahn arbeitet. "Die Überalterung und die Abwanderung der Jungen." Es liege aber sicher nicht daran, dass man hierher nicht mit dem Auto fahren könne, ist er überzeugt. "In den meisten anderen Berggemeinden im Aostatal ist es genauso."