Zehn Jahre 9/11 Angst essen Amerika auf

Die Attentäter des 11. September wollten nicht nur möglichst viele Menschen umbringen, sondern auch das Leben der körperlich Unversehrten verändern. Das ist ihnen gelungen: Die Angst hat sich in die Gesellschaft hineingefressen, sie hat für Lähmung und Mutlosigkeit gesorgt. Die Angst ist das nachhaltigste Erbe der Terroristen, sie hat aus Amerika eine gepanzerte Nation gemacht.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Jetzt, wo all die Bilder wieder gezeigt werden, in Zeitlupe, aus allen denkbaren Winkeln, wo wieder die Körper aus den Fenstern fallen und die Türme stürzen; jetzt, wo all die Tondokumente erneut zu hören sind, die Stimmen aus den Cockpits, die Anrufe der Verzweifelten aus den Flugzeugen und die letzten Nachrichten auf den Anrufbeantwortern; jetzt, wo die Phantasie noch einmal den letzten Blick aus dem 92. Stock zulässt, ehe die Flugzeugschnauze sich durch die Scheibe bohrt - jetzt scheint es, als sei die Zeit noch immer gefroren.

New York gedenkt der Opfer der Terroranschläge

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Die Erinnerung weckt ein Trauma, wie es so viele Menschen kollektiv zuvor noch nie erlebt haben. Und dieses Trauma belegt, dass es die Angst ist, die nackte, brutale Angst, die den Charakter des Ereignisses 9/11 ausmacht.

Über den 11. September 2001 ist eigentlich alles geschrieben und gesagt worden. Die Biographien der Täter wurden rekonstruiert, ihre letzten Schritte nachvollzogen. Im Gegenschnitt kann man den Geheimdienst CIA betrachten und die amerikanische Bundespolizei, die mehr als eine Gelegenheit hatten, den Plot vor jenem düsteren Dienstag aufzudecken. Heute weiß man viel mehr als damals. Heute kennt man die Planer und ihre Telefonnummer im Jemen, man weiß, über welche Bankkonten Geld floss und wie eine Terroristen-Biographie entsteht.

Es ist ausführlich dokumentiert worden, wie die amerikanische Regierung reagierte, wie sie impulsiv einen Krieg in Afghanistan begann und anderthalb Jahre später einen zweiten im Irak willkürlich befahl. Der zweite Krieg wird gerade bilanziert, beim ersten ist die Rechnung noch offen, aber die wird auch keinen Anlass zur Freude geben. Der Krieg im Inneren, der mit den neuen Gesetzen und Behörden, den Scannern und Abhöranlagen, der lässt sich allemal nur langsam abwickeln.

Die Geostrategen haben die Dekade genutzt, um Amerikas Aufstieg und Fall als Hypermacht zu kartographieren, den Aufstieg Chinas dagegenzuhalten und beide Kurven in Relation zueinander zu setzen. Die Ökonomen haben aus der Asche von Ground Zero die letzten Bilanzblätter gezogen, die Politik des billigen Geldes, die Wohlfühlgeschenke nach dem Angriff und die Kriegskosten addiert und eine direkte Linie zur amerikanischen Immobilienblase, der Bankenkrise, der Schuldenkatastrophe und dem Absturz der Weltwirtschaft gezeichnet.

Und die Kulturwissenschaftler ziehen nach langen Debatten über das Verhältnis der Weltregionen zueinander Befriedigung aus der Selbstbefreiung der arabischen Welt von dem Joch der Autokraten, die in der Tat vielleicht nur deswegen gelingen konnte, weil die alte Ordnung von außen nicht mehr gestützt wurde und die radikal-islamistischen Alternativen in ihrem fanatischen Nihilismus sich selbst zerstört hatten.

Wiedergeburt der Ideologen

Der Tag brachte Extremisten aller Couleur hervor, das erst zehn Jahre zuvor beerdigte Jahrhundert der Ideologien erlebte eine surreale Wiedergeburt. Für uns oder gegen uns; Gott ist groß oder Gott ist tot. Die Welt war polarisiert. 9/11 bezieht seine düstere Macht nicht allein aus der nackten zerstörerischen Wirkung der Angriffe - 3000 Tote, zwei Symbole amerikanischer Stärke zerstört, die Kommandofestung der Militärmacht eingedrückt wie eine Cola-Dose.

Die Wucht ergibt sich auch aus dem bis heute unfassbar großen Gegensatz von Aufwand und Wirkung, von Fanatismus und Naivität, von apokalyptischer Phantasie und gewöhnlicher Vorstellungskraft. Um 8.46 Uhr morgens hatte niemand unter dem blauen New Yorker Himmel auch nur geahnt, dass todesbereite Männer mit Teppichmessern den Lauf der Welt verändern könnten. Keine noch so kühne Phantasie reichte aus, um den Hass zu ermessen, der einen Menschen am Knüppel einer Verkehrsmaschine in ein Gebäude fliegen lässt.

Mit aller Brutalität

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