Tarifabschluss im öffentlichen Dienst Erfolgserlebnis mit Signalwirkung

Für manche Kommunen mag der Tarifabschluss im öffentlichen Dienst schmerzhaft sein, doch das Erfolgserlebnis für Truppenführer Bsirske hat auch etwas Gutes: Es könnte das Vertrauen in die Großgewerkschaften erhöhen. Ihr Vorteil: Sie stehen gegen den Trend zur Durchsetzung von partikularen Interessen einzelner Berufsgruppen.

Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Dieser Abschluss wird Folgen haben. Wenn demnächst die Arbeitnehmer in der Chemie- sowie in der Metall- und Elektroindustrie über ihre Löhne verhandeln, dann werden sie sich an den öffentlichen Dienst erinnern. Dann werden sie sich zwar nicht an den 6,3 Prozent orientieren, die die Arbeitnehmer bei Bund und Kommunen herausgeschlagen haben. Denn insgesamt verteilt sich diese Lohnsteigerungen auf zwei Jahre. Derart langfristig binden sich IG Bergbau, Chemie, Energie und IG Metall in der Regel nicht.

Die beiden Gewerkschaften werden sich jedoch eine andere Zahl zum Vorbild nehmen: 4,9 Prozent. Das ist die Steigerung, die im öffentlichen Dienst für die ersten zehn Monate des Tarifvertrags vereinbart wurde: Bis zum 1. Januar werden die Gehälter von zwei Millionen Beschäftigten um 4,9 Prozent gestiegen sein.

Wann gab es einen solchen Zuwachs zuletzt, beim Staat wie in der freien Wirtschaft? Dem durchschnittlichen Industriebetrieb geht es finanziell besser als der durchschnittlichen Kommune; keine Industriegewerkschaft wird sich daher mit weniger abspeisen lassen, als Frank Bsirske und seine Verdi-Truppen bekommen haben. Sie wird sogar eher mehr verlangen. Wie hieß es am Wochenende doch gleich in einer Erklärung des Deutschen Städtetags? Das Ergebnis komme "den Erwartungen der Beschäftigten auf spürbar steigende Gehälter" entgegen.

Dies drückt exakt die Kräfteverhältnisse in den drei Branchen aus, in denen in diesem Frühjahr Tarifverhandlungen anstehen. Der öffentliche Dienst, die Chemie- und die Metallindustrie gehören zu jenen Sektoren der Volkswirtschaft, in denen die Gewerkschaften sehr gut organisiert sind.

In Tarifverhandlungen werden Arbeitgeber weniger mit Argumenten überzeugt als mit der Stärke der Gewerkschaftsmitglieder. Wer als Arbeitnehmer, in einer beliebigen Branche, Erwartungen hat, weil er findet, dass er und seinesgleichen ungerecht entlohnt würden - der hat in diesem Konflikt Anschauungsunterricht bekommen. Gerechtigkeit, wie immer man sie definieren mag, kommt nicht von alleine, man muss sie sich erkämpfen; in diesem Fall mit zwei Wochen Warnstreik. Ohne Truppen ist ein Gewerkschafter am Verhandlungstisch nichts.

Auf eigene Faust

Für manche Kommunen, vor allem in Nordrhein-Westfalen und im Osten, mag der Abschluss schmerzhaft sein. Aber das Ergebnis könnte zumindest ein ganz anderes Problem entschärfen: dass mehrere Berufsgruppen das Vertrauen in die Großgewerkschaften verlieren und deshalb dazu neigen, auf eigene Faust zu verhandeln.

So war die Auseinandersetzung um die Vorfeld-Kontrolleure auf dem Frankfurter Flughafen Ausdruck des Umstands, dass es Verdi nicht mehr zu gelingen schien, die Interessen verschiedenster Gruppen zu bündeln. Wem das als Arbeitgeber - mit Recht - Sorgen macht, dem musste daran gelegen sein, dass Truppenführer Bsirske diesmal zu seinem Erfolgserlebnis kam.