Tag der Deutschen Einheit Drinnen große Reden, draußen laute Wut

Pfiffe für die Spitzenpolitiker der Republik: Wenig Feierstimmung am Tag der Einheit bei den Demonstranten in Dresden.

(Foto: REUTERS)

In der Dresdner Semperoper feiern Merkel und Lammert den Tag der Deutschen Einheit als "Tag der Freude". Auf den Straßen kommentieren Demonstranten den Festakt mit Pfiffen und Pöbeleien.

Von Paul Munzinger

Die Deutschen tun sich traditionell schwer damit, an ihrem Nationalfeiertag das zu tun, was der Name so leichthin einfordert: feiern. Doch schwerer als in diesem Jahr, in dieser Stadt, war es selten. Wie wohl kein anderer Ort steht Dresden - seit zwei Jahren längst nicht nur, aber eben auch Pegida-Stadt - für die Entzweiung Deutschlands über die Flüchtlingspolitik. Und seit vor einer Woche eine Bombe vor einer Moschee in der sächsischen Hauptstadt explodierte und eine weitere am Kongresszentrum gefunden wurde, lastet auch die Sicherheitsfrage schwer auf der Stadt. 2600 Polizisten sollen dafür sorgen, dass der Tag der Deutschen Einheit friedlich bleibt.

Als die Polizei zum ersten Mal einschreiten muss, haben die Feierlichkeiten noch gar nicht offiziell begonnen. "Um Zugang der Ehrengäste zu den Protokollveranstaltungen am Neumarkt zu gewährleisten, mussten Personen zurückgedrängt werden", vermeldet die Polizei Sachsen am Morgen trocken auf Twitter. Die Ehrengäste, das sind die höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland: Bundespräsident Joachim Gauck, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Und die Kanzlerin, Angela Merkel.

"Völksverräter", "Haut ab", "Merkel muss weg"

Ein paar hundert Pegida-Demonstranten haben vor allem ihr einen wütenden Empfang bereitet. "Volksverräter", "Haut ab", "Merkel muss weg", skandierten sie, als die Kanzlerin zum Gottesdienst in der Frauenkirche verschwand. Und sie skandierten es, vom Regen unbeeindruckt, auch eine Stunde später, als Merkel die Kirche wieder verließ. Einem Schwarzen riefen sie ein "Abschieben" hinterher, wie die Deutsche Presse-Agentur beobachtete; die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig (SPD) brach offenbar in Tränen aus, als sie durch die aufgebrachte Menge ging. "Für die allermeisten Menschen in Deutschland" sei der 3. Oktober nach wie vor ein "Tag der Freude", hält Merkel tapfer dagegen. Es gebe aber auch neue Probleme. "Und ich persönlich wünsche mir, dass wir diese Probleme gemeinsam, in gegenseitigem Respekt, in der Akzeptanz sehr unterschiedlicher politischer Meinungen lösen, und dass wir auch gute Lösungen finden."

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Den Festakt in der Semperoper eröffnete Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, derzeit auch Bundesratspräsident, dann mahnend, statt feierlich. "Beschämt erleben wir, dass Worte die Lunte legen können für Hass und Gewalt", sagte Tillich. Dies sei "menschenverachtend und unpatriotisch". Die demokratische Mehrheit sei gefordert, nicht nur angesichts von Rechtsextremismus, sondern auch im Hinblick auf islamistische Hassprediger und linke Extremisten. "Wir alle müssen dafür sorgen, dass die gefährliche Saat - auch die des Populismus - nicht aufgeht."

Lammert: "Ein kleines Glücksgefühl" erlauben

Bundestagspräsident Lammert hat für den Festakt eine optimistische, durchaus selbstironische Rede vorbereitet. Er beschreibt Deutschland als vielfältiges Land, in dem auch in Sachsen gebürtige Schwaben längst gut integriert sind; als ein Land, das auch für Schutzsuchende Platz bietet. Er macht sich ein bisschen über die Deutschen lustig, denen es so gut gehe wie nie, und die doch so gerne unzufrieden sind mit sich und der Welt - einträchtig unzufrieden übrigens in Ost und West. Und er ermutigt die Deutschen, sich angesichts der eben doch leidlich geglückten Wiedervereinigung "ein kleines Glücksgefühl" zu erlauben. "Das Paradies auf Erden ist hier nicht. Aber viele Menschen, die es verzweifelt suchen, vermuten es nirgendwo häufiger als in Deutschland", sagte der CDU-Politiker.

Doch bevor Lammert diese Rede halten kann, sieht auch er sich genötigt, auf die Pöbeleien einzugehen. "Diejenigen, die heute besonders laut pfeifen und schreien und ihre erstaunliche Empörung kostenlos zu Markte tragen", sagt Lammert, "die haben offenkundig das geringste Erinnerungsvermögen daran, in welcher Verfassung sich diese Stadt und dieses Land befunden haben, bevor die Deutsche Einheit möglich wurde." Lauter Applaus für Lammert. Und doch kann er auch er nicht verhindern, dass nicht die Nationalhymne nach seiner Rede als Soundtrack dieses Einheitsfestes in Erinnerung bleiben wird, sondern die Pöbeleien und Pfiffe.

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