Russische Revolution Deutsche Dichtung, russische Revolutionswahrheit

Plötzlich stand das Gespenst eines bolschewistischen Übergreifens auf Deutschland im Raum: Spartakusaufstand in Berlin, Januar 1919.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Die Reichsführung überschätzte ihre Rolle in der Oktoberrevolution 1917 maßlos. Später versuchte Berlin, den Bolschewismus auszunutzen - mit katastrophalen Folgen.

Gastbeitrag von Gerd Koenen

Die Machteroberung der Bolschewiki in Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg, am 7. November 1917 vollzog sich unter dem einhelligen Beifall der deutschen Öffentlichkeit.

Die konservative Norddeutsche Allgemeine Zeitung meldete: "Das Ziel, für das das (russische - die Red.) Volk kämpfte, nämlich Vorschlag eines sofortigen demokratischen Friedens, Aufhebung des Rechtes der Grundeigentümer, Land zu besitzen, Aufsicht der Arbeiter über die Erzeugung und Bildung einer Regierung des Arbeiter- und Soldatenrates, ist gesichert."

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Der sozialdemokratische Vorwärts schrieb: "Die maximalistische Regierung schafft Ordnung", und stellte Lenin den Lesern in einer biografischen Skizze näher vor: "Einen solchen Charakter braucht jetzt die russische Arbeiterklasse, wenn sie ihre historischen Forderungen erfüllt sehen will."

An den Fronten, die dank der deutschen und bolschewistischen Zersetzungspropaganda bereits in voller Auflösung waren, trug der Umsturz Züge einer einseitigen Kapitulation der russischen Armeen.

Erst deutsche Mittel erlaubten es Lenin, seine Parteibasis zu verbreitern, hieß es in Berlin

In den Berichten der deutschen Kommandostäbe vom 9. November heißt es: "Soweit erkennbar, wissen die russischen Truppen an der Front ... noch nichts über die Vorgänge im Inneren. Unsere Propaganda hat befehlsgemäß eingesetzt." Und zwei Tage später: "In den meisten Fällen haben sie durch unsere Propaganda den Umsturz erfahren und ihn mit Jubel begrüßt in der sicheren Erwartung des Friedens."

Die von deutschen Propagandaoffizieren im heute litauischen Vilnius produzierte russisch-sprachige Frontzeitung Towarischtsch, Genosse, brachte am 23. November auf der Titelseite das Radiotelegramm des Vorsitzenden des neuen "Rats der Volkskommissare", Lenin, worin der "Bürger Oberkommandierende" der russischen Streitkräfte angewiesen wurde, unverzüglich Gespräche über einen Waffenstillstand aufzunehmen.

Schon seit Ostern 1917 hatten die deutschen Propagandaoffiziere, viele von ihnen Sozialdemokraten, berichtet: "Unsere Zeitungen werden dankbarst angenommen." Gruppen von Soldaten und Unteroffizieren kämen, trotz Verbots, in die deutschen Gräben und Armeestäbe hinüber und erklärten bereitwillig, dass sie alle Schießbefehle verweigert hätten, nicht selten unter physischer Bedrohung oder Ausschaltung der eigenen Offiziere.

Das materielle Band zwischen den Schützengräben war der von den deutschen Stellen geförderte Handel mit Rasierzeug, Seife, Uhren oder Lebensmitteln. Er nahm - zumal dann in der Zeit des Waffenstillstands - ein beachtliches Volumen an.

In der Berliner Illustrierten Kriegs-Chronik für das Daheim wurde im November quasi live berichtet: "Es war gegen 11 Uhr vormittags, als der Telephonist aus seinem Bau gestürzt kam und uns zurief: 'Friede! Gefechtsmeldung: auf dem russischen Brückenkopf drei weiße Fahnen. Russische Kapelle spielt auf der Brustwehr, russische Offiziere sind zu unserem Brückenkopf hinübergestiegen, wollen wegen Waffenstillstand verhandeln! ' ... Es war Tatsache: sämtliche Stützpunkte zeigten weiße Fahnen. 'Friede! Friede!' Aus den Unterständen dringt freudiger Gesang. Dazwischen aber laut und lauter, ein Lied, wildtrotzig, als seien die Augusttage 1914 wiedergekehrt: 'Frankreich, ach Frankreich, wie wird's dir ergehen'."

Überspannte Selbsteinschätzungen in Berlin

Der neue Staatssekretär des Äußeren Richard von Kühlmann erklärte in einer Niederschrift für den Vortrag beim Kaiser am 3. Dezember: "Erst die Mittel, die den Bolschewiki auf verschiedenen Kanälen und unter wechselnder Etikette von unserer Seite dauernd zuflossen, haben es ihnen ermöglicht, die Prawda, ihr Hauptorgan auszugestalten und die anfangs schmale Basis ihrer Partei stark zu verbreitern.

Die Bolschewiki sind nun zur Herrschaft gelangt; wie lange sie sich an der Macht halten können, ist noch nicht zu übersehen. Sie brauchen zur Befestigung ihrer eigenen Stellung den Frieden; und auf der anderen Seite haben wir alles Interesse daran, ihre vielleicht nur kurze Regierungszeit auszunutzen".

Die überspannten Selbsteinschätzungen der Politiker und Militärs in Berlin fanden ihr Pendant in den dramatischen, teilweise panischen Lageeinschätzungen der Alliierten. Dem britischen Generalstabschef William Roberts zufolge würde ein deutsch-bolschewistischer Separatfrieden die Aussichten auf einen alliierten Sieg im Jahre 1918 völlig zunichte machen und den Krieg um mindestens ein weiteres Jahr verlängern, mit ungewissem Ausgang.

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Überraschend waren diese Konstellationen nicht. Seit 1914 hatte sich der Weltkrieg je länger, je mehr zu einem Krieg Deutschlands gegen den Westen entwickelt, militärisch, politisch, wirtschaftlich und ideologisch. Gleichzeitig war eine Strategie der "Revolutionierung" und "Dekomposition" des russischen Vielvölkerreichs zu einem zentralen Element der deutschen Weltkriegsstrategie geworden.

Dafür hatte die deutsche Reichsleitung sehr bald Partner unter den russischen Revolutionären gefunden, am prominentesten in Gestalt des russisch-jüdischen Sozialisten Alexander Parvus-Helphand, eines Kopfs des Arbeiterrates im heutigen Sankt Petersburg.

Im September 1915 hatte Parvus eine indirekte Verbindung zwischen der deutschen Reichsleitung und dem in Zürich lebenden, von allen Verbindungen weitgehend abgeschnittenen Führer der russischen Bolschewiki Wladimir Uljanow alias Lenin hergestellt. Dessen Position eines "revolutionären Defätismus" verlangte zwar von allen, auch den deutschen Revolutionären, den Weltkrieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln.