Mauer an der Grenze zu Mexiko Peña Nieto, der führende Zauderer Mexikos

Enrique Peña Nieto bei einem Treffen mit Donald Trump im August 2016.

(Foto: AP)

Wie Donald Trump mit seinen Tweets dem mexikanischen Präsidenten half, in seiner Heimat das Gesicht zu wahren.

Von Boris Herrmann

Jetzt hat einer Nein gesagt. Nein zur Provokation. Nein zur Rabaukendiplomatie. Nein zur Weltpolitik ohne Sinn und Verstand. Nein zu Trump. Es gehört zu den Absurditäten unserer Tage, dass dieser nun allseits bewunderte Neinsager ausgerechnet Enrique Peña Nieto ist.

Der Fünfzigjährige gilt als der führende Zauderer Mexikos. Als ein Mann ohne Strategie, der heute dies, morgen das sagt und dabei selten den richtigen Ton trifft. Seine Popularitätswerte näherten sich zuletzt dem einstelligen Bereich.

Viele Mexikaner haben ihn längst zur machtlosen Marionette erklärt, die es weder mit den Drogenbaronen im eigenen Land noch mit dem neuen Twitterkönig im Weißen Haus aufnehmen kann. Seit Donald Trump die Welt aufmischt, nicht zuletzt mit Gemeinheiten in Richtung Mexiko, wirkte Peña Nieto noch hilfloser als sonst. Ein Präsident in seinem Labyrinth.

Kein Dialog mehr möglich

Es musste einiges zusammenkommen, bis dieser Mann seinen für kommenden Dienstag geplanten Staatsbesuch in den USA absagte. Trump aber leistete ganze Arbeit. Etwa mit der Verkündung des Mauerbau-Dekrets am Mittwoch, als Peña Nieto noch glaubte, es gäbe hier etwas zu verhandeln - sein Außenminister war gerade zu Vorgesprächen nach Washington unterwegs.

Oppositionspolitiker, Künstler, Sportler und Juristen forderten Peña Nieto deshalb auf, seine Reise umgehend zu stornieren. Die Zeitung El Universal flehte: "Das ist eine Falle! Bitte, Herr Präsident, sagen Sie ab!" Der aber verkündete tapfer, er werde "ohne Unterwürfigkeit und ohne Konfrontation den Dialog" suchen. Für die Kosten des Mauerbaus werde Mexiko selbstverständlich nicht aufkommen. Das brachte ihm nur noch mehr Spott im eigenen Volk ein.

Es bedurfte noch eines weiteren Trump-Tweets, bis auch der große Zauderer einsah, dass der Bogen überspannt war: "Wenn Mexiko nicht bereit ist, für die dringend benötigte Mauer zu bezahlen, wäre es besser, das bevorstehende Treffen abzusagen."

Peña Nieto hatte die Hand ausgestreckt, Trump spuckte ihm vor die Füße. Eine öffentliche Erniedrigung, die freilich nicht die erste war, aber die bislang dreisteste. Damit war es Mexikos Präsidenten definitiv nicht mehr möglich, nach Washington zu fliegen. Es wäre nämlich sein sicheres innenpolitisches Ende gewesen.

Mexiko tief in der Krise

Im Grunde war es also Donald Trump, der den Besuch absagte, und es könnte sein, dass er Peña Nieto damit sogar einen Dienst erwies. Der wahrte im allerletzten Moment sein Gesicht, indem er deutlich machte: Ein Mexikaner lässt sich nicht wie ein Idiot behandeln, auch nicht vom mächtigsten Mann der Welt. Nun hat Peña Nieto erstmals seit langer Zeit das ganze Land hinter sich. Der gemeinsame Feind bewirkt Wunder.

Das traditionell komplizierte Verhältnis zwischen Mexiko und den USA steckt nach der jüngsten Eskalation in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten. Der schwächere Nachbar im Süden hat dabei deutlich mehr zu verlieren, das weiß auch Peña Nieto. Nur so ist es zu erklären, dass er so lange herumlavierte. Ausgerechnet in dieser Situation bietet sich dem schon als gescheitert abgestempelten Präsidenten die Chance, seine Amtszeit zu retten.

Der Jurist Peña Nieto war 2012 mit höchsten Erwartungen an ihn angetreten, die er allerdings im Eiltempo enttäuschte. Er hatte versprochen, die Wirtschaft und den Politikstil zu modernisieren. An der Seite seiner Ehefrau, eines ehemaligen Telenovela-Sternchens, wurde er zum Fernsehstar. Bald waren von diesen Traumpaar-Image aber nur noch die Klüngelvorwürfe übrig.

Unter Peña Nieto stieg die Inflation genau wie die soziale Ungleichheit, die Korruption und die Mordrate. Er war praktisch schon am Ende, als Trump die Bühne betrat. Auf einmal hat er die Gelegenheit, sich als Verteidiger der Würde Mexikos zu profilieren. Dafür würden ihm seine stolzen Landsleute einiges verzeihen - koste es, was es wolle.

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