Prantls Blick Warum die Heimat wichtig für den Wahlkampf ist

CDU-Wahlkampfveranstaltung in Delbrück (Nordrhein-Westfalen), die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht wird.

(Foto: dpa)

Die Menschen brauchen Wurzeln. Wurzeln geben Halt. Eine Politik, die Halt gibt, ist eine Politik gegen den populistischen Extremismus.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Innenpolitik der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Wahlkampf, Wahlkampf, Wahlkampf: Die politische Agenda der kommenden Woche besteht vor allem daraus - aus Kundgebungen, aus Umfragen und aus der sich wiederum hieraus ergebenden Frage, ob es wirklich sein kann, dass die gute alte SPD bei nur 20 Prozent herumkrebst. In der ARD kommt es (am Dienstag um 22.45 Uhr) noch einmal zu einem "Duell Merkel gegen Schulz"; diesmal handelt es sich dabei nicht um ein von vier Moderatoren gestörtes Gespräch, sondern um einen Dokumentarfilm von Stephan Lamby. Eingerahmt wird diese Woche zum einen vom "Tag der Heimat", der am heutigen Sonntag begangen wird, und zum anderen vom Oktoberfest, das am kommenden Samstag beginnt. Das ist für mich Anlass, in diesem Brief ein wenig darüber nachzudenken, was Heimat eigentlich in unseren flüchtigen Zeiten bedeutet - und wie heimatlich unsere Politik ist, und wie heimatlich sie sein sollte.

Heimat ist mehr als eine Postleitzahl, mehr als eine Adresse irgendwo. Heimat ist das, was Halt gibt. Die Menschen brauchen Wurzeln. Wurzeln geben Halt. Eine Politik, die Halt gibt, ist eine Politik gegen den populistischen Extremismus. Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat 2016 in seinem Wahlkampf viel von Heimat geredet. Das hat er richtig gemacht. In Österreich und Deutschland leben zwei Drittel der Menschen in Dörfern, in Klein- und in Mittelstädten - also in der Provinz. Österreich und Deutschland sind zu zwei Dritteln Provinz. Provinz ist der Raum der übersichtlichen Lebenseinheiten, der Raum, in dem die Menschen sich kennen. Provinz ist die Verkörperung des Prinzips Heimat. Diejenigen, die sich für das Wort Provinz schämen, sagen lieber Region; meinetwegen. Provinz ist ein gutes Wort und ein guter Platz, um sich heimisch zu fühlen. Er muss es bleiben oder wieder werden.

Dichter und Denker - aber keine Redner

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Heimat besteht nicht in Blut und Boden

Die Welt muss heimatlicher werden, um dem Extremismus zu wehren. Der Wunsch, eine Heimat zu haben (ob in einer Großstadt oder in der Provinz), ist kein brauner Wunsch, er ist schlicht ein menschlicher. Heimat besteht nicht in Blut und Boden. Heimat ist Urvertrauen - das Urvertrauen, sicher und geborgen zu sein. Heimat ist das Bewusstsein, dass man seinen Platz, seine Aufgabe und seine Geschichte hat. Die Welt zur Heimat zu machen, das fängt in Kleinkleckersdorf an. Es fängt damit an, dass es dort eine Poststelle, einen Bäcker und ein Arzt gibt und ein Krankenhaus in erreichbarer Nähe. Gute Lokalpolitik lockt also nicht einfach nur Investoren in den Ort, sie stärkt auch die Grundversorgung, den sozialen Zusammenhalt und die gewachsenen Traditionen ihrer Bürger - und damit ihre Offenheit für die Menschen, die neu kommen.

Der deutschen Provinz wird aber seit Jahren übel mitgespielt, nicht nur von der Bundeswehr, die so viele Garnisonsstandorte geschlossen hat. Post, Telekom und Bahn haben sich radikal aus der Fläche zurückgezogen, kaum dass sie privatisiert waren. Auch bei den Sparkassen gibt es ein großes Filialschließen; es muss gespart werden - und manchmal sägt man dann aus Spargründen den Ast ab, auf dem man sitzt. Die Provinz hat es wirklich nicht leicht heute. Landlust heißt zwar eine der erfolgreichsten Zeitschriften an den Kiosken. Aber die Landlust gibt es oft nur auf dem Papier und bei der Nachfrage nach Omas Apfelkuchenrezept und der Landfrauenküche. Ansonsten existiert viel zu oft der Landfrust. Viele Bürgermeister müssen bizarre Kämpfe um schnelle Datenleitungen führen, die in einer hochentwickelten Industriegesellschaft längst selbstverständlich sein sollten.

Ein Loch im Zentrum so vieler Dörfer und Städte

Vielerorts in Deutschland verludern die Ortskerne, in meinem Geburtsort, in Nittenau in der Oberpfalz, ist das auch so. Viele Dörfer, Klein- und auch noch Mittelstädte sehen aus wie ein Donut, also wie dieser amerikanische ringförmige Krapfen - ein abgeflachter Teigballen, der in der Mitte ein Loch hat. Diese Donut-Orte, es gibt Hunderte, Tausende in Deutschland, sind innen hohl - sie sind entweder voll schlechter, alter Bausubstanz; oder aber wie Puppenstübchen aufpoliert worden, aber dennoch ohne Leben, weil die Ladenmieten dort aufgrund der Refinanzierung der Sanierungskosten für alte Ladengeschäfte unerschwinglich geworden sind. So entsteht das Loch im Zentrum so vieler Dörfer und Städte.

Altensiedlungen und Altenheime stehen an den Ortsrändern, sie sind verkehrstechnisch meist schlecht angebunden. Es wäre sehr viel besser, die alten Menschen in die Ortsmitte zu holen, dorthin, wo die Kirche, das Rathaus und die Sparkassen-Filiale stehen und wo in der zugesperrten ehemaligen Schlecker-Filiale ein neuer Dorf- und Tante-Emma-Laden mit Waren für den täglichen Bedarf und mit regionalen Produkten aufgemacht hat. Die Ortskerne müssen wiederbelebt werden. Die Menschen brauchen eine wohnungsnahe Rundumversorgung. Jeder zehnte Einwohner Deutschlands kann Brot und Milch nicht mehr zu Fuß einkaufen, weil der nächste Laden zu weit entfernt ist.

Es gibt in Teilen Deutschlands so etwas wie eine provinzielle Depression. Aber man muss sich ihr nicht ausliefern. Ja, der Einwohnerrückgang und die Veränderung der Altersstruktur haben Auswirkungen auf die Infrastruktur; dabei sollte aber nicht vornehmlich der Abbau die Zielsetzung sein, sondern der Umbau. Öffentliche Verkehrsanbindungen müssen funktionieren, Schulen müssen zu neuen Mittelpunkten des Miteinander- und Voneinander-Lernens umgestaltet werden. Medizinische Betreuung und Pflege müssen neu konzipiert und ausgebaut werden. Der Kampf gegen den populistischen Rechtsextremismus ist auch ein Kampf gegen die provinzielle Depression.