Die türkische Demokratie ist noch alles andere als perfekt. Doch dem Westen zeigt die regierende AKP, dass islamische Bewegungen sich sehr wohl wandeln können, dass Religion und Reform vereinbar sind. Sie wäre ein gutes Vorbild für Ägyptens Muslimbrüder.
Man reibt sich die Augen. "Hört auf die Stimme des Volkes. Zögert nicht, den Forderungen eures Volkes nach Wandel sofort Gehör zu schenken." Nicht Barack Obama, nicht Nicolas Sarkozy und nicht Angela Merkel waren es, die mit diesen Worten vor einer Woche schon den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak zum Rücktritt drängten. Es war der türkische Premier Tayyip Erdogan, der den "raschen Übergang zur Demokratie" in Ägypten forderte, als sich die westlichen Politiker noch in verlegenes Schweigen hüllten.
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Solidaritätskundgebungen mit den ägyptischen Demonstranten in Istandbul: Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan drängte Mubarak als erster zum Rücktritt. (© AP)
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Erdogan als Vorkämpfer der Demokratie? Noch vor ein paar Wochen hätte eine solche Vorstellung in Europa und den USA eine Flut sarkastischer Kommentare ausgelöst. Der Aufruhr in der arabischen Welt hat das geändert. Der Wert der Türkei ist in die Höhe geschnellt. Die eben noch misstrauischen Amerikaner umwerben die Türken als mögliche Mittler zu den ägyptischen Muslimbrüdern. Und allerorten ist die Rede vom Modell Türkei. Zurecht? Zurecht. Wenn auch wohl nicht in dem Ausmaß, das sich viele nun wünschen würden.
Ja, die Türkei ist ein Vorbild - zwei Drittel der Befragten in acht arabischen Ländern (darunter Ägypten) sagten das in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage. Und Grund dafür ist keineswegs nur die Bewunderung der einfachen Leute für den türkischen Polterer Erdogan, der - anders als ihre eigenen Führer - die israelische Regierung polemisch attackiert. Es ist vor allem auch die Bewunderung für das, was die Türkei erreicht hat, und für den Weg, den die regierende AKP zurück gelegt hat: Die Partei war 2002 als Erbin einer islamistischen Bewegung angetreten und hat auf dem Marsch durch die Institutionen den Fundamentalismus weit hinter sich gelassen. Auf dem Weg an die Macht sind ihre Führer Pragmatiker geworden.
Noch die Ziehväter von Premier Tayyip Erdogan und Präsident Abdullah Gül sahen in Europa und im Westen den Feind und verteufelten die Globalisierung - ähnlich wie viele arabische Islamisten. Und die AKP? Sie machte die Türkei zum EU-Beitrittskandidaten und reitet begeistert die Welle der Globalisierung. Der Erfolg der AKP hat die Islamisten in der Türkei bei den letzten Wahlen unter drei Prozent gedrückt.
Das türkische Modell ist eine Bedrohung - für die Islamisten
Dem Westen zeigt das Beispiel AKP, dass islamische Bewegungen sich sehr wohl wandeln können. Und den Religiösen in der arabischen Welt zeigt es, dass Demokratie und wirtschaftliche Liberalisierung nicht Chaos und Werteverfall bedeuten, sondern zu Erfolg und Aufstieg führen können. Nach acht Jahren AKP-Regierung boomt die Türkei wie nie zuvor. Das Land ist freier als je zuvor. Und international spielt es von Jahr zu Jahr eine größere Rolle.
Die türkische Demokratie ist noch alles andere als perfekt. Und Erdogan fällt selbst gerne der Doppelmoral anheim: Einen solch leidenschaftlichen Appell für Freiheit und Demokratie wie jetzt im Fall Ägypten hätte man von ihm gerne auch im letzten Jahr gehört, als das iranische Regime die Opposition blutig prügelte. Außerdem ist der Einfluss der Türkei in der Region lange nicht so groß wie Ankara das glauben machen möchte. Aber es ist das Beispiel, das ausstrahlt, jetzt, wo Orientierung gefragt ist. Als der tunesische Islamistenführer Rachid Ghannouchi nach 22 Jahren Exil jüngst in seine Heimat zurückkehrte, sagte er: "Mir schwebt eine Struktur nach dem Vorbild der AKP vor. Sie hat gezeigt, das Islam und Demokratie vereinbar sind."
Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, dass die Türkei von westlichen Politikern scharf angegriffen wurde wegen ihrer Israel-Kritik. Interessanterweise stieß die Nummer Zwei von Al-Qaida, Aiman al-Zawahiri, zur selben Zeit Drohungen gegen die Türkei aus: Sie sei ein Knecht des Westens und kollaboriere mit Israel. Ein Zufall war das nicht: Das türkische Modell ist eine Bedrohung für die Radikalen in der islamischen Welt.
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(SZ vom 08.02.2011/mob)
Szene München
Wie kommen Sie zu dem Schluss, dass Herr Strittmatter ein "vollkommen kritikloser" Journalist ist?
Die Kritik fängt doch schon im ersten Satz an: "Die türkische Demokratie ist noch alles andere als perfekt." Und weiter geht's: "Erdogan fällt selbst gerne der Doppelmoral anheim: Einen solch leidenschaftlichen Appell für Freiheit und Demokratie wie jetzt im Fall Ägypten hätte man von ihm gerne auch im letzten Jahr gehört, als das iranische Regime die Opposition blutig prügelte." Auch in anderen Artikeln spart Herr Strittmatter nicht mit Kritik.
Was er aber anderen voraus hat, ist, erkannt zu haben, dass der Islamismusvorwurf an die Regierungspartei eine vorgeschobene Rechtfertigung für die Einmischung des Militärs ist, ähnlich den Rechtfertigungen, die die Diktatoren in den arabischen Ländern benutzen.
....ein Freund des derzeitig regierenden AKP ( Erdogan ) Systems sein.
Darum geht es und nicht um Land und Leute , Kultur und Geschichte und was sonst noch zählt.
Um das Zuschütten - Einbetonieren von Allianoi / Bergama und der lächerlichen Begründung dazu, nur als kleines Beispiel !
Demnach würden Sie "wahrer Freund" der Türken sich ja an dessen Stelle geradezu vor Freundlichkeit überschlagen.
....wahrscheinlich ein sehr guter und kompetenter Journalist. Wenn es nicht so wäre, dann würde Ihn die SZ sicher auch nicht an diesem wichtigen Ort Istanbul und in der Türkei beschäftigen.
Leider aber ein vollkommen kritikloser, was übrigens auch in der ARTE Themen Woche Türkei im letzten Jahr zu erkennen war.
Wahre Freunde zeigen ihren Gästen auch einmal die nicht so schönen Seiten ihres Daseins und ihrer Umwelt !
Sehr guter Beitrag von Ihnen.
allerdings hat er einen Makel und zwar:
Sie, Guhvieh, sind doch von morgens bis abends, jeden Tag, also ca. 250 mal, (Sa, SO und Feiertage abgerechnet) hier auf SZ-online und geben Ihre Kommentare ab.
Wann haben Sie eigentlich die Zeit, die Türkei kennen zu lernen?
Gar nicht.
Und Sie erlauben sich einen Journalisten, der die Türkei sehr gut kennt, ein Urteil darüber abzusprechen?
Schon vermessen von Ihnen.
Paging