Paul-Henri-Spaak-Gebäude Ein Gebäude wie ein Weichkäse

Paul-Henri-Spaak-Gebäude, in dem das Europäische Parlament liegt, finden viele hässlich. Nun ist es marode und soll abgerissen werden.

(Foto: Sergio Galletti)

24 Jahre nach Eröffnung droht dem Brüsseler EU-Parlament der Abriss. Es ist marode, eine Renovierung könnte nicht reichen.

Von Thomas Kirchner, Brüssel

Es gibt ein paar wenige gelungene Bürobauten im Brüsseler Europaviertel, aber die gigantisch verschachtelte Heimstätte des Europäischen Parlaments lässt sich beim besten Willen nicht dazu zählen. Einen Teil von ihr, das Paul-Henri-Spaak-Gebäude (PHS), in dem das Halbrund des Plenarsaals liegt, hat man mit dem bekannten Weichkäse Caprice des Dieux verglichen, dessen Form es im Grundriss ähnelt. Zum Glück wird es von den umgebenden Hochhäusern großzügig abgeschirmt.

Leider scheint dieses 1993 eröffnete Gebäude, das ursprünglich Teil eines Konferenzzentrums werden sollte und etwa eine Milliarde Euro kostete, nicht nur hässlich, sondern auch recht marode zu sein. Seit Jahren steht es auf einer Liste von Bauten, die renoviert werden müssten. Besondere Dringlichkeit erhielt das 2012, als in den Dachstützen Risse entdeckt wurden, die das Gebäude fast zwei Jahre lang unbenutzbar machten.

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Wie es nun aussieht, könnte die Renovierung nicht reichen. Der Generalsekretär des Parlaments Klaus Welle plädiere für einen Abriss, schreibt das Magazin Politico. "Die Verwaltung empfiehlt, dass die Struktur besser neu gebaut als verstärkt werden soll", heißt es in einer vertraulichen Vorlage des Deutschen, über die am Montagabend im Parlamentspräsidium diskutiert werden sollte.

Die Kosten für diesen Schritt wurden vor zwei Jahren, als das Thema zum ersten Mal aufkam, in einer Studie auf 430 Millionen Euro geschätzt.

Die Sicherheitsprobleme ließen sich für nur 30 Millionen Euro beseitigen

Das Spaak-Gebäude erreiche 2019 das Ende seiner Lebensdauer, schreibt Welle in der Vorlage. In Parlamentskreisen wird auf austretendes Wasser an mehreren Stellen verwiesen; außerdem sei es politisch geboten, die Energieeffizienz des Gebäudes zu verbessern. Nicht zuletzt mangele es für politische Verhandlungen mit vielen Teilnehmern an geeigneten Räumen, die bei einer Neukonstruktion eingeplant werden könnten.

Wichtigstes Argument Welles aber ist die Sicherheit: Das PHS entspricht nicht dem neuen Standard für solche Gebäude gemäß Eurocode. Es fehlt ein Schutz gegen den progressive collapse, den Einsturz des gesamten Gebäudes nach Beschädigung eines Teils.

Eine solche Kettenreaktion könnte etwa als Folge eines möglichen Terrorangriffs entstehen. Entsprechend aufwendige Umbauten seien auch im Londoner Unterhaus sowie im österreichischen Parlament in Planung, heißt es in den Kreisen.

Welle kann sich auf den Rat von Experten stützen. Ein französisches Gutachten empfahl im vergangenen Jahr in Anbetracht aller Umstände einen Neubau.

Der damalige Parlamentspräsident Martin Schulz war, wie es heißt, "beeindruckt, aber noch nicht überzeugt", und bestellte beim Tüv Süd eine Zweitmeinung. Sie ist zum gleichen Ergebnis gekommen, macht aber auch klar, dass es eine günstigere Lösung gäbe: Die Sicherheitsprobleme ließen sich, ohne Schönheitsreparaturen und Anbauten, für nur 30 Millionen Euro beseitigen.

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