Städtereise Brüssel Bitte nicht zu schick

In vielen Städten finden Flohmärkte vor allem am Wochenende statt, am Place de Jeu du Balle aber sind die Händler jeden Tag da, zu jeder Jahreszeit.

(Foto: mauritius images)

Die Marollen in Brüssel wandeln sich vom Arbeiter- zum In-Viertel, und mit ihnen der hundert Jahre alte Flohmarkt. Früher war hier schon mal ein Hubschrauber im Angebot.

Von Pia Ratzesberger

Sie kommt jeden Morgen hierher, drei Haltestellen mit der Tram. Dann einen Kaffee in dem einzigen Laden, der vor sechs Uhr schon geöffnet hat. Dort warten die anderen. "Gros Louis" zum Beispiel, so nennen sie ihn hier am Place du Jeu de Balle, er sucht vor allem antike Gemälde. Sie sucht vor allem antike Postkarten aus den Jahren um 1900, beschrieben oder nicht beschrieben, die Worte haben meist keinen Wert, beim Weiterverkauf. Elisa Van Elsen, 67 Jahre alt, trinkt den ersten Kaffee des Tages. Sie trägt Halbschuhe, Leder, auch die hat sie vom Flohmarkt. Zehn Euro.

Über niedrige Preise klagen so manche am Place du Jeu de Balle, wo sie jeden Morgen wieder ihre Stände aufbauen, mit Kronleuchtern und Pelzmänteln und Taschenweckern. Mehr als hundert Jahre, seit 1873, herrschen die Händler über diesen Platz in den Marollen. In einem Viertel, in dem sich die einen um elf Uhr morgens vor der Kneipe das erste Jupiler-Bier aufmachen, während die anderen gerade einen Holzstuhl für 2500 Euro aus dem Möbelladen tragen.

Viele Touristen kommen, um das Brüssel zu sehen, das noch dreckig ist und laut und aufrührerisch. Doch wie das mit solchen Vierteln immer so ist, steht in manchen Reiseführern nun, man solle sich beeilen mit dem Besuch in den Marollen. Bevor der Stadtteil verliere, wonach die Gäste alle suchen.

Am Justizpalast, Blick über die Dächer von Brüssel, fahren zwei Aufzüge hinunter in die Marollen, in die Unterstadt. Die Luft ist kalt, Regen, vor sechs Uhr ist kaum einer unterwegs, erst recht nicht unter der Woche. Außer jemand wie Elisa Van Elsen. In der Dämmerung stehen zwei Dutzend Transporter am Place de Jeu du Balle, als wäre das nur irgendein Parkplatz. Doch dann öffnen die ersten ihre Luken, die Kisten knallen auf die Pflastersteine, die Suche von Elisa Van Elsen beginnt.

Sie blättert durch vergilbte Seiten, legt das eine Buch auf das andere, darunter könnte vielleicht ein Stapel Postkarten versteckt sein. Wenn sie Glück habe, verkaufe sie eine Karte für mehrere Hundert Euro im Internet, sagt sie, aber das sei selten. Manche kriege sie nur für zwölf Euro los. Eine Frau in Pelzmantel stolziert über den Platz und dirigiert Männer, die Kisten aus ihrem Transporter ausladen.

Am Place du Jeu de Balle verkaufen nur professionelle Händler, etwa die Hälfte der 400 Stände ist fest vermietet, der Rest wird von Tag zu Tag vergeben. Die Frau im Pelz fährt mit ihren Leuten zu den Häusern von Verstorbenen, wie viele hier, sie räumen die Zimmer leer und bringen zum Markt, was von einem Leben so übrig bleibt. Immer wieder aufs Neue.

Der Flohmarkt findet jeden Tag von 6 bis 14 Uhr statt, am Wochenende bis 15 Uhr. Die nächste Metrostation ist Porte de Hal. Es lohnt sich, bis zur Station Louise zu fahren und am Justizpalast den Aufzug zu nehmen. Von dort sind es nur noch etwa sieben Minuten zu Fuß.

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Ein Foto, eine Frau lachend am Pool. Nur noch Ramsch für die, die das Bild heute ansehen

In einer der Kisten Schwarz-Weiß-Fotos von einem Urlaub am Meer, eine Frau lachend am Pool, sie blinzelt zum Fotografen. Für ihn waren die Bilder wahrscheinlich von Wert, jetzt sind sie nur noch ein Ding unter Tausenden. Ramsch. Wenn am Wochenende die Touristen über den Markt schlendern, werden sie das herrlich romantisch finden. Den Plunder, die Patina.

Doch wenn man sieht, in welchen Mengen die Händler Pullover und Lampen und Taschen auf den Platz kippen, ist da wenig Romantik. "Aber natürlich kann ich davon leben", sagt die Frau in dem Pelzmantel. Sie zieht an ihrer Zigarette, sie gluckst, als wäre die Frage völlig absurd. Wie sie reden nicht alle hier.

In den Marollen lebten lange vor allem die Arbeiter der Stadt. Es gibt einen Film aus den 1950er-Jahren, "Le Chantier des Gosses", darin schuften Männer an Baumaschinen, Kinder rennen über staubige Straßen. Um die Prostituierten im Viertel kümmerten sich früher die Schwestern des Maricollen-Ordens, daher der Name Marollen. Heute aber steht in Reiseführern: "Neuer Schick im alten Arbeiterviertel", und die Cafés verkaufen Filterkaffee an Studenten mit Fjällräven-Rucksack. Dazwischen bieten Antiquitätenläden ausgesuchte Ware zu hohen Preisen. Trotzdem seien die guten Zeiten vorbei, sagt ein Händler, der an diesem Tag seinen Stand erst gar nicht aufbaut. Das lohne sich doch nicht, bei Regen. Trotzdem ist er um sechs Uhr hergekommen, wie die vergangenen mehr als 30 Jahre. Das sei doch sein Leben, sagt Jamal Allach. Dieser Platz.

Wenn er nicht verkauft, plaudert er mit den Kollegen, Geschäfte beim Kaffee, er schnalzt mit dem Finger gegen den silbernen Teller in seiner Hand. Früher habe er solch einen Teller für 100 oder 150 Euro losbekommen, sagt er, heute kriege er höchstens zehn. Allach zuckt mit den Schultern, wirft den Teller in die Pappkiste in seinem Wagen. Die jungen Leute wollten ja keine brüllenden Löwen mehr, sie wollten modernes Design und vielleicht ab und an mal eine kleine Antiquität, die sich gut macht zwischen futuristischen Bücherregalen.