NS-Geschichte Die Ausgelieferten

Amsterdam im Jahr 1943: Bewaffnete führen Juden durch die Straßen, die Bevölkerung blieb weitgehend gleichgültig.

(Foto: Albert de Jong/AFP)

Katja Happe schildert das Schicksal der Juden in den besetzten Niederlanden der Jahre 1940 bis 1945. Sie geht der Frage nach, warum ihnen dort so wenig Hilfe zuteil wurde.

Rezension von Barbara Distel

In diesem Frühjahr werden 73 Jahre vergangen sein, seitdem alliierte Truppen die Niederlande befreiten. Es gibt auch dort nicht mehr viele Menschen, die sich noch bewusst an die vorangegangenen Jahre der deutschen Besatzung erinnern können. Aber nahezu in jeder Familie gibt es heute noch schmerzliche Erinnerungen an Leid und Verlust, die mit dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung stehen.

Die in Freiburg lehrende Zeithistorikerin Katja Happe hat nun eine erste umfassende Studie in deutscher Sprache zur Geschichte der Judenverfolgung in den Niederlanden während der Jahre 1940 bis 1945 vorgelegt. Sie konnte dafür auf das in mehr als sieben Jahrzehnten angesammelte Wissen sowohl über den Völkermord an den Juden Europas insgesamt wie über die spezifische Geschichte der Juden in den Niederlanden zurückgreifen.

75 Prozent der Juden fielen dem Holocaust zum Opfer, mehr als in jedem westeuropäischen Land

In neun chronologisch aufeinanderfolgenden Kapiteln schildert sie das Schicksal der Juden, die entweder holländische Staatsbürger waren oder jüdische Flüchtlinge, die nach 1933 aus Deutschland und Österreich nach Holland geflohen waren, um der Verfolgung durch den nationalsozialistischen Staat zu entgehen. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht die Frage, warum der Anteil der Juden in Holland, die ermordet wurden, so viel höher war als der in anderen westeuropäischen Ländern. Mit mehr als 100 000 Menschen fielen 75 Prozent der in den Niederlanden lebenden Juden dem deutschen Vernichtungsprogramm zum Opfer, während von den etwa 320 000 zum gleichen Zeitpunkt in Frankreich lebenden Juden trotz der Kollaborationsregierung von Vichy nur etwa 76 000 Juden ermordet wurden.

Katja Happe bezieht alle Akteure ein, die eine Rolle in der Katastrophe spielten: Die Opfer, die nach dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 in Holland in der Falle saßen, die holländische Mehrheitsgesellschaft und ihre Institutionen, das holländische Königshaus und seine Regierung im Londoner Exil, jüdische Hilfsorganisationen innerhalb und außerhalb des Landes und die deutsche Regierung mit ihren Handlangern in Holland, die den Mord planten und durchführten. Sie entwickelt ein stringentes Bild der Lebensbedingungen für Juden in den Niederlanden auf dem Weg zu ihrer Ermordung. Zunächst konnten sich nach 1933 noch Tausende jüdische Flüchtlinge aus Deutschland relativ problemlos in Holland niederlassen. Zu ihnen gehört auch Anne Frank und ihre Familie, die nach dem Krieg durch ihr Tagebuch über ihr Leben im Versteck vor der Deportation weltweit zur Ikone des Schicksals der Juden in den Niederlanden wurde.

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Im Mai 1938 verhängten die niederländischen Behörden ein Einreiseverbot für jüdische Flüchtlinge, das nach dem 9. November 1938 wieder gelockert wurde. Für die Neuankommenden wurde im Oktober 1938 im Nordosten Hollands im Auftrag der Regierung das "Zentrale Flüchtlingslager Westerbork" errichtet. Wenige Jahre später wurde Westerbork das größte Internierungslager im Land und als "polizeiliches Durchgangslager" der Abfahrtsort für die Züge in die Vernichtungslager. Bis 1939 waren etwa 50 000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich in die Niederlande entkommen. Etwa die Hälfte von ihnen konnte das Land verlassen, bevor es im Mai 1940 unter deutsche Herrschaft fiel.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 10. Mai 1940 und der bereits fünf Tage später folgenden Kapitulation errichteten die Deutschen eine Zivilregierung unter Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart. Außer dem Judenmord planten die Deutschen die Invasion Englands von Holland aus, die Einbeziehung der nichtjüdischen Bevölkerung in ihre völkische Utopie, die sie "Selbstnazifizierung" nannten, und die Ausbeutung der Ressourcen des Landes für die deutsche Kriegsindustrie. Von Herbst 1940 an begannen Entrechtung und Isolierung der Juden in Holland, von denen viele Selbstmord begingen oder verzweifelt, aber zumeist vergeblich, versuchten, in den unbesetzten Teil Frankreichs oder nach England zu entkommen. Für die niederländische Mehrheitsgesellschaft änderte sich zunächst nichts Grundsätzliches, die holländischen Behörden waren von Anfang an bereit, "loyal" mit den Besatzern zusammenzuarbeiten. Als im Februar 1941 nach einem Zwischenfall 400 Juden im Alter von 20 bis 35 Jahren verhaftet und in ein deutsches KZ deportiert wurden - so gut wie keiner von ihnen überlebte - reagierte die holländische Arbeiterschaft als Zeichen der Solidarität mit einem zweitägigen Generalstreik. Es folgten Verhaftungen und Verurteilungen und weitere antijüdischen Maßnahmen.

Im Sommer 1941 entstanden zwei jüdische Organisationen sowie der "Jüdische Rat", die sich zunächst nahezu immer vergeblich um Ausreisemöglichkeiten für Juden aus Holland bemühten. Die Isolierung und Entrechtung der Juden dort nahm kontinuierlich zu, ohne dass dies öffentliches Aufsehen erregte oder die Bedrängten breitere Hilfe und Unterstützung erhielten.