Nordrhein-Westfalen Wie die Übergriffe von Köln Hannelore Kraft verändert haben

"Das muss man aushalten, dass man Dinge manchmal erst klären muss": Hannelore Kraft verteidigt ihr langes Schweigen nach der Kölner Silvesternacht.

(Foto: Monika Skolimowska/dpa)

Hannelore Kraft war nach der Silvesternacht auffällig still. Sie sorge sich um das Land, sagt die Ministerpräsidentin. Früher tröstete sie es.

Von Bernd Dörries und Kristiana Ludwig, Düsseldorf

Es ist morgens kurz vor neun, als Hannelore Kraft in ihren Dienstwagen steigt und eine kleine Ausschau gibt auf das, was nun passieren wird: Akten lesen, Zeitungen lesen, Rede schreiben. Davor gilt es aber, noch etwas Grundsätzliches zu klären. "Erst mal muss ich gucken, dass ich klarkomme", sagt Kraft. Womit genau bleibt offen. Mit sich, der frühen Morgenstunde? Oder mit dem ganzen Amt?

Eine Woche lang hat Hannelore Kraft ein Videotagebuch geführt, hat sich selbst gefilmt, wie sie in ihrer rollenden Pfalz die Akten durchgeht, die Zeitungen liest und am Abend das Fahrtenbuch macht. Wie sie Zug fährt, wie sie ins Kanzleramt geht. Es sind lange Tage, lange Fahrten, lange Sitzungen. "Ich bin irgendwie immer auf Arbeit", sagt Kraft. Es ist eine gefilmte Rechtfertigung.

Auf Menschen, die Hannelore Kraft in den vergangenen Monaten begegneten, hat sie oft einen seltsamen Eindruck gemacht. Dünnhäutig sei sie gewesen. Wütend fast, und müde. "Ich brauch das alles nicht", ist so ein Satz, den einige gehört haben. Das ging schon ein paar Monate so, für alle sichtbar wurde es nach den Ereignissen der Silvesternacht von Köln. Zehn Tage brauchte Kraft für einen öffentlichen Auftritt.

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Nach Köln sagte sie lange erst einmal nichts

Dabei war das große Kümmern doch der Ich-Kern der Ministerpräsidentin, persönlich und politisch. Sie trauerte mit den Opfern der Loveparade auf eine Art, von der viele Hinterbliebene nachher sagten, dass es ihnen sehr geholfen habe. Sie trauerte mit denen, die beim Absturz der Germanwings-Maschine Angehörige verloren hatten. Sie trauerte mit den Kumpeln, die ihre Zeche verlieren. Sie umarmte das halbe Land, die große Landesmutter.

Nach Köln sagte sie lange erst einmal gar nichts. Während sich doch die ganze Welt äußerte. Weil sie das alles nicht brauche? "Diejenigen, die regieren, müssen auf einer Sachgrundlage agieren", sagt Kraft selbst. Fakten brauchten eben Zeit. Doch der Eindruck, der entstand, war der einer zögerlichen, gleichgültigen Ministerpräsidentin. Er führte zu den Filmchen, die man sich nun im Netz angucken kann.

Es ist eine Art Ruhrgebietsroadmovie, mit Ausflügen nach Berlin. Es gibt viel von der guten alten Ich-sach-ma-Hannelore, die sagt: "Ich hoffe, dass wir jetzt ordentlich was zwischen die Zähne kriegen." Es gibt aber auch Momente, die zu der Frage führen, ob etwas mit Hannelore Kraft passiert ist in den vergangenen Monaten. Als ob sie die Frage hört, sagt Hannelore Kraft im Video: "Es gibt keine schönere Tätigkeit, die ich mir vorstellen kann, auch wenn ich manchmal tief verzweifelt bin. Beides gehört zusammen." Es ist ein schöner und ein ehrlicher Satz. Verzweiflung, sagt Kraft, empfinde sie, weil sie immer mehr begreife, wie die großen Unglücke nachwirken. Je länger sie in der Politik sei. Wie Bilder die Opfer nicht loslassen, genauso wenig wie die Öffentlichkeit. Man weiß, was da kommt, schon ganz am Anfang.

Das führt zu der Frage, warum sie eigentlich noch einmal antreten will 2017. Wenn man Hannelore Kraft begegnet in diesen Tagen, dann sieht man viel Befindlichkeit, aber wenig Politik.

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Ende Januar im Landtag, Kraft fährt abwärts. Der Aufzug ist voll, irgendjemand hat den falschen Knopf gedrückt. Kraft hat Aktenmappen und ein Tablet in der Hand, in einer Minute ist es zehn Uhr und die aktuelle Stunde im Landtag beginnt. Thema: Fernsehdebatten mit der AfD - und warum sie, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, nicht an ihnen teilnehmen will. "Ich bin eh nicht als Erste dran", sagt Kraft. Die Tür öffnet und schließt sich wieder. "Ebene drei, alle raus", sagt endlich ein Mann - "also alle, die wollen." Kraft wirft ihm einen Blick zu. "Wollen ist gut", sagt sie.