Nahostkonflikt Wenn Enttäuschung in Steinwürfe umschlägt

Palästinensische Demonstranten gehen am in Gaza durch Wolken von Tränengas.

(Foto: dpa)

Acht Tote und Hunderte Verletzte, das ist die vorläufige Bilanz nach Trumps Ankündigung, die US-Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen.

Analyse von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Vier tote Palästinenser alleine am Freitag: Die Auseinandersetzungen zwischen israelischen Sicherheitskräften und jungen Palästinensern sind überraschend eskaliert. In den Steinwürfen hat sich nicht nur die Wut auf Trumps Jerusalem-Entscheidung entladen. Insbesondere junge Menschen fühlen sich um ihre Zukunft betrogen: Es geht ihnen nicht nur um einen eigenen palästinensischen Staat und eine eigene Haupststadt, sondern um ein Leben mit Jobperspektiven und ohne Angst.

Im Ostteil Jerusalems, an verschiedenen Orten im Westjordanland und am Grenzzaun im Gazastreifen machen sie ihrer Enttäuschung und ihrem Zorn über die israelische Besatzung Luft. Die ständigen Durchsuchungen auf den Straßen, die Checkpoints und Mauern, all das schränkt den Alltag der Palästinenser massiv ein. Es sind die täglichen Kleinkriege, die zermürben.

Ein Quadratkilometer Weltgeschichte

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Viele der vor allem jungen Teilnehmer an den Protestaktionen fühlen sich im Stich gelassen - von der eigenen palästinensischen Führung, aber auch vom Rest der arabischen Welt. Pflichtschuldig wurde zwar die Anerkennung Ostjerusalems als Hauptstadt der Palästinenser auf zwei Gipfeltreffen verlangt, aber es klang nicht nach einer Herzensangelegenheit. Auch Europa ist in den Augen vieler Palästinenser eine Enttäuschung, weil im Nahostkonflikt keine europäische Initiative erkennbar ist und sich Brüssel nicht als Gegengewicht zu Washington positioniert.

All diese Enttäuschungen haben sich in den vergangenen Tagen seit der Trump-Erklärung am 6. Dezember summiert und am Freitag eruptiv entladen. Ohne Unterstützung und ohne Hoffnung tun nun vor allem junge Palästinenser das, was ihnen naheliegend erscheint: Mit ihren Mitteln gegen die israelischen Sicherheitskräfte vorzugehen - und das sind Steine und Messer.

Fast jede Nacht Sirenen

Ihnen stehen dann häufig gleichaltrige Israelis gegenüber, die genauso Angst haben und häufig auch überreagieren. Wer einen Steinhagel erlebt hat, weiß, dass es sich dabei nicht um harmlose Geschosse handelt. Aber warum israelische Soldaten gleich zwei Palästinenser, die sich auf der anderen Seite der hermetisch abgeriegelten Grenze im Gazastreifen befanden, erschossen haben, ist aufklärungsbedürftig. Einer von ihnen saß nach einer Amputation beider Beine im Rollstuhl. In Israel wird derzeit ein Fall untersucht, bei dem israelische Sicherheitskräfte scharf auf einen Palästinenser geschossen haben. Später stellte sich heraus, dass der Mann unbewaffnet war. Es scheint, dass mit zunehmender Dauer der Auseinandersetzungen immer häufiger scharf geschossen wird. Die gestrigen Schüsse auf einen Palästinenser, der zuvor einen Grenzpolizisten mit einem Messer verletzt hatte - und einen Gürtel trug, der mit Sprengstoff gefüllt zu sein schien, können dagegen als Notwehr eingestuft werden.

Menschen, die auf israelischer Seite rund um den Gazastreifen leben, haben fast jede Nacht seit Trumps Erklärung Sirenen heulen gehört. Mindestens 14 Raketen aus dem Gazastreifen haben in den letzten Tagen israelisches Gebiet erreicht. Eine Rakete schlug in der 20 000-Einwohner-Stadt Sderot ein - zum Glück am Abend: Neben parkenden Autos wurde auch ein Kindergarten getroffen. Die meisten Raketen konnten jedoch vom Abwehrsystem Iron Dome abgefangen werden.

Acht Tote und hunderte Verletzte, das ist die vorläufige Bilanz von Trumps Ankündigung, die US-Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen. Nun wurden auch Israelis, die auf eine baldige Umsetzung der Ankündigung gehofft hatten, enttäuscht. US-Außenminister Rex Tillerson erklärte: Die Botschaft werde frühestens 2020 verlegt - oder sogar erst nach dem Ende von Trumps Amtszeit.

Sollte US-Vizepräsident Mike Pence kommende Woche tatsächlich nach Israel reisen, dann ist mit einer erneuten Eskalation zu rechnen.

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