Naher Osten Der Prinz und die Kernkraft

  • Bei der Stadt Ruwais im Emirat Abu Dhabi wird das erste kommerzielle Atomkraftwerk in einem arabischen Land gebaut.
  • In den kommenden Jahren steht der Region ein nuklearer Boom bevor - Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien haben konkrete Pläne.
  • Zugleich wächst die Sorge, dass Nukleartechnik nicht nur für die Stromerzeugung gefragt ist, sondern dass damit Interesse an militärischer Nutzung einhergeht.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Vier graue Betonkuppeln ragen in den blauen Himmel am Persischen Golf, etwa 50 Kilometer von der Stadt Ruwais im Emirat Abu Dhabi. Darunter verbergen sich die Reaktoren des Atomkraftwerks Barakah, das Südkorea dort errichtet. Noch in diesem Jahr soll der erste Block ans Netz gehen; es wird das erste kommerzielle Atomkraftwerk in einem arabischen Land sein und das zweite im gesamten Nahen Osten. Das erste läuft auf der anderen Seite des Golfs, im iranischen Buschir.

In den kommenden Jahren steht der Region ein nuklearer Boom bevor: In der Türkei haben die Bauarbeiten für vier Reaktor-Blöcke in Akkuyu am Mittelmeer begonnen, für vier weitere in Sinop am Schwarzen Meer sind die Aufträge vergeben. Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien haben konkrete Pläne, Iran will zwei weitere Meiler in Buschir errichten. Zugleich wächst die Sorge, dass Nukleartechnik in der Region nicht nur für die Stromerzeugung gefragt ist, sondern dass damit Interesse an militärischer Nutzung einhergeht.

Ein Wettlauf um die Bombe in einer der instabilsten Regionen der Erde - seit Jahren warnen Experten und Diplomaten vor einem Domino-Effekt, sollte es einem Land gelingen, sich Atomwaffen zu verschaffen. Gemeint war immer Iran, denn die Islamische Republik hat neben dem Reaktor von Buschir Anlagen zur Urananreicherung gebaut, eine von zwei möglichen Methoden zur Gewinnung von spaltbarem Material für einen Atomsprengkopf. Dies zu verhindern war einer der wesentlichen Beweggründe für das Atomabkommen.

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Nun aber rückt Saudi-Arabien verstärkt in den Blick. 16 Atommeiler sollen in den nächsten 30 Jahren im Königreich entstehen, das eine Million Barrel Öl pro Tag verbrennt, um seinen Strombedarf zu decken. Das Kabinett in Riad beschloss jüngst eine neue Nuklearpolitik, die sich explizit auf "friedliche Zwecke" beschränkt. Aufhorchen ließ wenig später Kronprinz Mohammed bin Salman, der dem US-Sender NBC sagte: "Saudi-Arabien will keine Atombombe besitzen, aber kein Zweifel, wenn Iran eine Atombombe baut, werden wir so schnell wie möglich nachziehen."

Zukunft des Atomabkommens mit Iran wird fraglicher

Seine Äußerung fällt in eine Zeit, in der die Zukunft des Atomabkommens mit Iran fraglicher ist denn je. US-Präsident Donald Trump hat den Europäern ein Ultimatum bis 12. Mai gesetzt, die nach seiner Ansicht gravierenden Schwachpunkte der Vereinbarung zu beheben. Deutschland, Frankreich und Großbritannien werden den anderen EU-Staaten an diesem Montag neue gezielte Sanktionen gegen das iranische Raketenprogramm und die Revolutionsgarden vorschlagen. Ob Trump sich damit aber davon abhalten lässt, aus dem Abkommen auszusteigen, ist offen.

Zugleich versucht Trump, dem US-Konzern Westinghouse das Geschäft mit den Saudis zu verschaffen - auch wenn die USA dabei auf Beschränkungen verzichten, die sie den Vereinigten Arabischen Emiraten noch abverlangt hatten. Um an US-Nukleartechnik zu kommen, müssen Länder ein Kooperationsabkommen unterzeichnen, nach der entsprechenden Passage des US-Atomenergiegesetzes "123-Vereinbarung" genannt. Die Emirate verzichteten darin nicht nur auf die Urananreicherung, sondern auch auf jegliche Wiederaufarbeitung, bei der Plutonium anfällt - der zweite mögliche Stoff für die Bombe.

Diese Klauseln wurden als "Goldstandard" bekannt und sollten möglichst bei allen Abkommen zur Anwendung kommen, um die Weiterverbreitung sensibler Technik zu verhindern. Unter Trumps Vorgänger Barack Obama waren daran Gespräche mit Riad gescheitert. Doch jetzt hat Saudi-Arabien die ersten beiden Reaktoren ausgeschrieben, will bis Jahresende das Projekt vergeben: Russland, China, Frankreich und Südkorea bieten darauf.