Panama Papers In vielen Steueroasen ist Scheindirektor kein ungewöhnlicher Beruf

Bei der Auswahl der Scheindirektoren scheint es ein Muster zu sein, sich gezielt ungebildete Menschen zu suchen, die nicht verstehen, was sie jeweils unterschreiben. Menschen also, die aus der panamaischen Unterschicht stammen und so gut wie kein Englisch können - wie etwa Leticia Montoya, eine der häufigsten Scheindirektorinnen bei Mossack Fonseca. Sie fungierte in den vergangenen Jahrzehnten als Direktorin von mehreren Zehntausend Firmen. Eine Kopie ihres Passes findet sich in den Panama Papers. Am Telefon sagte sie vor einigen Wochen, sie wisse nichts Genaueres über die Briefkastenfirmen, denen sie vorsteht. Auf eine schriftliche Anfrage der Süddeutschen Zeitung antwortete sie nicht.

Auch Mossack Fonseca bestreitet, dass die Kanzlei "Strukturen anbietet, die dafür geschaffen sind, die Identität der wahren Eigentümer zu verschleiern". Die Dienstleistung der Kanzlei basiere "stets auf rechtlich anerkannten Konstruktionen, die zu diesem Zweck von allen Anbietern in der Branche angewendet werden."

Leticia Montoya lebt in einem Vorort von Panama City, der den Wohlhabenden als No-go-Area gilt. Sie bekam meist nur magere 500 Dollar im Monat für ihre Dienste; Mossack Fonseca (Mossfon) dagegen verdiente dank ihrer Arbeit Millionen.

Ein Rechenbeispiel: Der Scheindirektor-Service kostet bei Mossack Fonseca pro Direktor und Firma rund 150 Dollar im Jahr. Meist setzt Mossfon drei Scheindirektoren oder Direktorinnen ein. Im Jahr 2012 war Montoya laut den Panama Papers Direktorin von fast 3200 Briefkastenfirmen. Sie hat also - bei 150 Dollar pro Jahr, die die Kanzlei dafür bekommt - in zwölf Monaten fast eine halbe Million eingespielt. Und Montoya ist seit den frühen Achtzigerjahren Scheindirektorin bei Mossack Fonseca.

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Das wichtige Arbeitsinstrument von Scheindirektoren ist der Füller oder Kugelschreiber

Im Zuge der jüngsten Enthüllungen tauchte auch ein anderer Name einer Scheindirektorin immer wieder prominent auf: Aida May Biggs. Sie steht oder stand in Panama offenbar fast 20 000 Firmen vor, die von einem Konkurrenten von Mossack Fonseca betreut wurden, man findet sie aber auch im Firmenregister von Großbritannien. Dort ist auch zu sehen, wann sie geboren wurde: im Januar 1923. Aida May Biggs müsste jetzt also 93 Jahre alt sein. Bis vor wenigen Jahren wurde sie noch als Firmenchefin eingesetzt - und das nicht nur von ein paar Firmen, sondernvon sehr vielen.

In vielen Steueroasen ist Scheindirektor kein ungewöhnlicher Beruf, und vor allem: ein einfacher. Man braucht keine Ausbildung, nur einen Namen, der bisher nicht in Zusammenhang mit kriminellen Geschäften aufgetaucht ist. Das wichtige Arbeitsinstrument von Scheindirektoren ist der Füller oder Kugelschreiber. Wird eine neue Briefkastenfirma aufgesetzt, müssen die Scheindirektoren zunächst drei Dokumente unterschreiben, die an den wahren Eigentümer geschickt werden: In einer Erklärung sichern sie zu, keine Ansprüche gegen den wahren Eigentümer und gegen dessen Firma zu verfolgen. In einer Vollmacht übergibt der Strohmann die Kontrolle dann an den echten Chef. Drittens unterzeichnet der Scheindirektor seine Kündigung - allerdings ohne das Datum einzutragen. So kann sich der wahre Eigentümer jederzeit und auch rückwirkend von seinem Scheingeschäftsführer trennen.

Dazu kommen, je nach Wunsch des Kunden, beispielsweise Kontoeröffnungen oder Protokolle der jährlichen Hauptversammlungen. Auch Steueroasen verlangen solche Protokolle, obwohl alle wissen, dass sie nur Show sind.