Manipulation im Netz Wie rechte Internet-Trolle versuchten, die Bundestagswahl zu beeinflussen

  • Rechte Internet-Trolle wollten in Deutschland Einfluss auf die Bundestagswahl nehmen. Dazu nutzten sie Dutzende falsche Nutzerkonten auf Youtube, Twitter und Facebook.
  • Ihr Ziel war es, die aus ihrer Sicht "schweigende Mehrheit" davon zu überzeugen, wählen zu gehen und ihr Kreuz bei der AfD zu setzen.
  • Es gab eine Art Countdown vor der Bundestagswahl, mit täglichen Attacken auf Wahlkampfvideos der Grünen, der Linkspartei, der SPD und der CDU.
Von Lena Kampf

Die Kampagne begann drei Wochen vor der Bundestagswahl. Der "Oberbefehlshaber" gab letzte Anweisungen. Man solle sich auf die Kanäle verteilen, retweeten, posten, kommentieren, bewerten. Und dabei nicht vergessen: Es sei nur ein kleiner Daumen nach unten für jeden. Aber ein großer Daumen nach unten für Deutschland.

Der Informationskrieg hatte begonnen. In diesem zumindest wähnten sich die Nutzer eines Servers namens "Reconquista Germanica" - Deutschlands Rückeroberung -, und zu diesem hochtrabenden Ziel hatten sie sich in diesem virtuellen Hauptquartier organisiert. Sie wollten Einfluss nehmen auf die Bundestagswahl, mithilfe von Dutzenden falscher Nutzerkonten auf den Plattformen Youtube, Twitter und Facebook.

Bis zu 5000 Nutzer sollen auf dem Server registriert gewesen sein, der auf der Chatplattfrom Discord lief. Normalerweise treffen sich da Computerspieler, nun hatten sich selbsternannte "Patrioten" zusammengeschlossen, um "Deutschland zu retten". Eine nationale Trollfabrik.

Trumps Verhalten in der Russland-Affäre ist bizarr und gefährlich

Der US-Präsident zeigt sich unwillig, Angriffe russischer Trolle auf die amerikanische Demokratie einzugestehen - selbst angesichts von Beweisen, die sein eigener Sicherheitsberater als "unwiderlegbar" bezeichnet. Kommentar von Hubert Wetzel mehr ...

Detaillierter Einblick in Vernetzung und Strategien rechter Medienaktivisten

Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR konnten die Inhalte eines solchen Troll-Servers sichten. Sie ermöglichen einen detaillierten Einblick in Vernetzung und Strategien rechter Medienaktivisten in Deutschland. Denn obwohl sich die Organisatoren von "Reconquista Germanica" mit einem Gesinnungstest gegen Infiltration absichern wollten, gelang es einer Gruppe, die sich "Altrightleaks" nennt, sich zu registrieren und das über Monate gesammelte Material zu veröffentlichen.

Wie groß das Missbrauchspotenzial sozialer Medien in Wahlkämpfen ist, wurde bei der US-Präsidentschaftswahl im November 2016 deutlich. Tausende Nutzerkonten, darunter Nationalisten und Rassisten der "Altright"-Bewegung streuten bei Twitter und Facebook gezielt Falschinformationen und warben für den republikanischen Kandidaten Donald Trump. Eine entscheidende Rolle soll dabei eine Troll-Fabrik in Russland gespielt haben, die eine umfangreiche Kampagne in sozialen Medien organisierte.

Doch auch in Deutschland haben Rechtsextreme versucht, gesellschaftliche Mehrheiten zu simulieren und die politische Willensbildung zu manipulieren. Ihr Ziel war es, die aus ihrer Sicht "schweigende Mehrheit" davon zu überzeugen, wählen zu gehen und ihr Kreuz bei der AfD zu machen. Ob diese Aktionen Auswirkungen auf den Wahlsausgang hatten, lässt sich nicht nachweisen. Die Dokumente zeigen jedoch, dass sie Einfluss auf politische Diskussionen genommen haben. Über Wochen wurden auf dem Server immer wieder Aktionen organisiert, mit denen Bewertungen von Videos oder Posts in sozialen Medien gezielt und konzertiert verfälscht, die Sichtbarkeit von eigenen, oft rassistischen Inhalten künstlich aufgeblasen und Autoren, Politiker und andere Youtuber beschimpft oder gedemütigt wurden.