Leserfragen an Slavoj Žižek "Sollten wir mitbestimmen dürfen, wie viele Flüchtlinge Deutschland aufnimmt?"

Philosoph Slavoj Žižek

(Foto: AFP)

Der Philosoph Slavoj Žižek fordert "radikale Gesten" im Umgang mit Flüchtlingen. Unsere Leser wollten wissen, was er damit meint. Hier sind seine Antworten auf Ihre Fragen.

Was halten Sie von der deutschen Asylpolitik? Welche Folgen hat die Ankunft der Flüchtlinge für Europa? Basiert unser Wohlstand nicht auf der Ausbeutung ärmerer Länder? Diese Fragen haben wir dem Philosophen und Kulturkritiker Slavoj Žižek in unserem Interview gestellt. Žižek kritisiert darin die masochistische Impotenz der Linken und fordert eine neue Leitkultur. Darüber, dass er versucht ist, Merkel für ihren Umgang mit Flüchtlingen zu loben, wundert sich der linke Intellektuelle selbst ein wenig (das gesamte Interview finden Sie hier).

Im Anschluss an das Interview haben wir unsere Leser dazu aufgerufen, selbst nachzuhaken und Žižek ihre Fragen zu stellen. Seine Antworten auf ausgewählte Leserfragen lesen Sie hier:

Leserfrage: In Deutschland basiert ein großer Teil der Flüchtlingshilfe auf dem Beitrag freiwillig helfender Bürger. Sie kritisieren, dass die Verantwortung für Probleme wie die globale Erwärmung auf Individuen übertragen wird. Handelt es sich bei der Solidarität gegenüber Flüchtlingen um ein ähnliches Phänomen?

Slavoj Žižek: Ich denke, in diesem Fall ist nicht so sehr die Individualisierung das Problem als vielmehr die Emotionalisierung des Problems. Flüchtlinge werden entweder als islamistische Fundamentalisten dargestellt oder aber als ausschließlich anständige und gute Menschen, als Opfer, denen wir unsere Herzen öffnen sollten. Was aber, wenn sie nicht ausschließlich gut und anständig sind - genau wie die meisten Menschen überall auf der Welt nicht ausschließlich gut und anständig sind?

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Leserfrage: Man sollte nicht den Eindruck erwecken, dass nur Fundamentalisten nach Europa kommen, die ihren Frauen das Kopftuch aufzwingen. Aus Gesprächen weiß ich, dass viele muslimische Frauen freiwillig Kopftuch tragen. Sollten wir diese Frauen zwingen, das Kopftuch abzunehmen?

Problematisch sind ja nicht Frauen, die das Kopftuch freiwillig tragen. Das Problem besteht vielmehr darin, dass auch Frauen, die es nicht tragen wollen, dazu gezwungen werden. Oder zu anderen Dingen wie Zwangsheirat. Sollte unsere Gesellschaft dies tolerieren, weil sie unbedingt tolerant gegenüber anderen Kulturen sein will? Ich sage: Unsere Gesellschaft sollte in so einem Fall unsere Rechte und Gesetze durchsetzen - und zwar ausdrücklich, aber auch ohne Scheinheiligkeit.

Leserfrage: Angela Merkel hat angesichts der Notlage EU-Regeln zum Umgang mit Asylbewerbern für obsolet erklärt. Einen demokratischen Prozess gab es dahinter nicht. Sollten wir mitbestimmen dürfen, wie viele Flüchtlinge Deutschland aufnimmt?

Ein guter Punkt, aber diese Logik kommt schnell an ihr Ende: Was ist, wenn die Mehrheit der Bevölkerung antisemitisch oder antimuslimisch oder auf eine andere Art rassistisch ist? Wie könnte unser Kampf gegen Rassismus dann nach einer "demokratischen Legitimierung" verlangen? Und wenn Menschen einem Krieg entkommen, sollten wir dann wirklich darüber abstimmen, ob wir ihnen helfen? Wenn jemand besorgt ist um die demokratische Legitimation politischer Entscheidungen, sollte derjenige sich sehr viel mehr Sorgen um Handelsabkommen wie TISA oder TTIP machen. Die werden gerade im Geheimen vorbereitet und ihre ökonomischen, finanziellen und kulturellen Folgen werden weit gravierender sein als die von zehn Millionen Flüchtlingen in Europa.

Leserfrage: Ich sehe für die oft willkürlichen Grenzen zwischen Staaten keine Rechtfertigung - warum haben wir durch den Zufall, wo wir geboren wurden, das Recht auf Wohlstand?

Theoretisch gibt es keine Rechtfertigung für Grenzen, das stimmt. Es gibt auch keine Begründung dafür, ob jemand reich oder arm, gesund oder krank, intelligent oder dumm, schön oder hässlich geboren wird. Also die Grenzen einfach abschaffen? Klingt gut - aber wie soll das gehen? Durch eine Weltregierung - aber wie soll die eingerichtet werden? Und außerdem geht es ja nicht nur um Wohlstand, sondern auch um unterschiedliche Lebensstile: Es ist Zufall, ob man in einem christlichen, einem muslimischen oder einem hinduistischen Land geboren wurde. Diese kulturellen Unterschiede machen die Idee einer Weltregierung praktisch unmöglich. Die einzige Gleichheit, die wir haben, ist die Gleichheit des Marktes - und die koexistiert ziemlich gut mit allen Arten von barbarischen Ungleichheiten.

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Leserfrage: Ist ein Nichteingreifen Europas in den Syrienkonflikt nicht höchster Ausdruck von Doppelmoral?

Unsere Doppelmoral zeigt sich ganz klar, wenn man sich ansieht, in welchen Ländern der Westen interveniert und in welchen nicht. US-Präsident Obama hat das eigentlich schön auf den Punkt gebracht, als er sein Nichteingreifen in Syrien mit einer einfachen Frage verteidigt hat: 'Warum Syrien und nicht Kongo?' In Kongo erleben wir einen humanitären Albtraum mit Millionen Toten - und zwar seit Jahrzehnten.

Leserfrage: Was genau meinen Sie mit den "radikalen Gesten", die Sie am Ende des Interviews fordern? Können Sie dafür konkrete Beispiele geben?

Selbstverständlich. Hier kommt meine Liste: Die einzige langfristige Lösung ist ein radikaler Wandel des weltweiten Kapitalismus, der Flüchtlinge hervorbringt - egal, ob wir in den Nahen Osten, nach Afrika oder auf die Flüchtlingsströme über die mexikanisch-amerikanische Grenze oder innerhalb Chinas schauen.

Was wir darüber hinaus unmittelbar und so schnell wie möglich angehen sollten, ist eine gesamteuropäische Koordination des Umgangs mit Flüchtlingen. Damit meine ich eine großangelegte militärische Kontrolle und Steuerung des Transports von Flüchtlingen nach Europa. Ebenso wie ausdrückliche und verbindliche Regeln auf kultureller, rechtlicher und wirtschaftlicher Ebene, an die sich beide Seiten halten müssen. Geschieht das nicht, wird das Chaos nur fremdenfeindlichen Populisten nützen. An einem solchen Vorgehen ist nichts "Rassistisches", wir brauchen Regeln, damit unsere komplexen Gesellschaften funktionieren.

(Redaktion: Karin Janker)

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