Philosoph Slavoj Žižek über Asylpolitik "Die Linke genießt ihre eigene Impotenz"

Wie meinen Sie das?

Diese Linksliberalen wissen genau, dass ihre Forderung nicht durchsetzbar ist, und da es nie dazu kommen wird, dass alle Grenzen fallen, fordern sie es umso vehementer. Sie genießen masochistisch ihre eigene Impotenz - und fühlen sich gleichzeitig moralisch überlegen. Zudem sehen sich die antieurozentristischen Linken nicht im Recht, von ankommenden Muslimen zu verlangen, dass sie europäische Werte akzeptieren. Dabei müssen wir das.

Menschenrechte und Solidarität - Ihr Bild von Europa ist recht positiv. Aber basiert gerade der Wohlstand Europas nicht auch auf der Ausbeutung ärmerer Länder?

Wir sind mitverantwortlich für die neuen Formen von Sklaverei, die viele Menschen erst in die Flucht treiben. Man denke nur an die Fabriken, wo unsere Kleidung genäht wird. Aber man darf das nicht sentimentalisieren. Bloße Empathie für die Ausgebeuteten bringt uns nicht weiter. Kapitalismus ist seinem Wesen nach global, das ist kein europäisches Alleinstellungsmerkmal mehr. Wir Europäer dürfen stolz sein auf Menschenrechte und Universalismus - auch wenn diese sich historisch vor dem Hintergrund von Industrialisierung und Kapitalismus herausgebildet haben.

Philosoph Slavoj Žižek

(Foto: AFP)

Wir müssen auf diese Werte pochen, wenn nun Menschen aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen. Schließlich kommen sie auch, weil sie sich genau solche Werte für sich und ihre Kinder wünschen.

Sie fordern, dass diese Werte von einer neuen Leitkultur verteidigt werden sollen.

Genau! Angesichts der wachsenden Bedrohung durch rechte Populisten ist die blinde Toleranz von einigen Linken die falsche Strategie. Wir können intoleranten Menschen wie muslimischen Fundamentalisten doch nicht mit Toleranz begegnen!

Es ist immer leicht zu sagen: Das ist eben deren Kultur, das müssen wir tolerieren. Aber was machen wir, wenn ein Mädchen von seinen Eltern gezwungen wird, Kopftuch zu tragen, obwohl es das nicht möchte? Ich sage: Wenn das in Europa passiert, müssen wir einschreiten für die Freiheit dieses Mädchens und unsere Gesetze durchsetzen. Muslime können nicht zu uns kommen und nur am angenehmen Teil Europas teilhaben.

"Leitkultur“-Debatte

Der Rückhalt für Kanzlerin Merkel schwindet. "Deutsche Kultur und Werte erhalten. Merkel entthronen!" forderten CDU-Mitglieder in Sachsen. Gleichzeitig fachen CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn und Bundestagspräsident Norbert Lammert die Debatte um eine deutsche "Leitkultur" neu an.

Konservative Politiker meinen mit "Leitkultur", dass christliche Werte durchgesetzt werden müssten.

Mein Begriff von Leitkultur stimmt nicht mit dieser Idee überein, es geht mir nicht um eine imperiale Unterordnung. Leitkultur ist eine Auseinandersetzung. Sie ist der gemeinsame Kampf gegen Fundamentalismus und das Anerkennen, dass es auf beiden Seiten Tabus gibt. Es ist nicht so, dass Muslime weniger offen sind, weil sie keine Mohammed-Karikaturen akzeptieren. Auch bei uns sind gewisse Dinge undenkbar, zum Beispiel Witze über den Holocaust. Wir haben unsere Probleme und die haben ihre, das Verbindende ist der gemeinsame Kampf um eine gemeinsame Leitkultur.

Also mehr offene Auseinandersetzung?

Absolut. Jene sentimentalen Linken, die gegenüber Muslimen am liebsten beide Augen zudrücken möchten, bevormunden sie eigentlich und nehmen sie nicht als politische Akteure ernst. Sie trauen ihnen ja nicht einmal zu, böse zu sein, sondern nehmen Fundamentalisten in Schutz, wenn sie ihre Frauen unterdrücken, und behaupten, wir hätten kein Recht, uns in deren Kultur einzumischen.

Wenn wir Migranten ernst nehmen und uns mit ihnen auseinandersetzen, kann daraus eine Chance für Europa werden, ein emanzipatorisches Projekt, in dem wir den Kern Europas stärken. Nur so lassen wir rechten Populisten keine Chance.

Wie utopisch ist ein solches Projekt angesichts der drängenden ganz praktischen Probleme derzeit?

Die wahre Utopie wäre es, zu denken, dass alles einfach so weiterläuft, wenn wir nichts unternehmen. Wir leben in gefährlichen Zeiten, da brauchen wir radikale Gesten.

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