100 Jahre Völkermord an Armeniern "Das türkische Volk wird Gauck nicht verzeihen"

Bundespräsident Joachim Gauck im Berliner Dom: Nun kritisiert ihn die türkische Regierung.

(Foto: dpa)
  • Das türkische Außenministerium reagiert verärgert auf die deutsche Position zum Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren und warnt vor "langfristigen negativen Auswirkungen".
  • Bundespräsident Gauck und der deutsche Bundestag nannten die Tötung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern "Völkermord" - ein Paradigmenwechsel.
  • In Istanbul fordern Demonstranten ihre Regierung auf, den Genozid anzuerkennen.

Türkisches Außenministerium reagiert verärgert auf Gaucks Völkermord-Formulierung

Besonders überraschend kommt diese Reaktion nicht: Istanbul hat empört auf die jüngsten Berliner Äußerungen zum Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren reagiert. "Das türkische Volk wird dem deutschen Präsidenten Gauck seine Aussagen nicht vergessen und nicht verzeihen", teilte das Außenministerium in Ankara am späten Freitagabend mit. Gauck habe keine Befugnis, der türkischen Nation eine Schuld anzulasten, die den rechtlichen und historischen Fakten widerspreche, hieß es in der Mitteilung. Die Regierung warnte vor "langfristigen negativen Auswirkungen" auf das deutsch-türkische Verhältnis.

Bundespräsident Gauck hatte die Tötung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Ersten Weltkrieg am Donnerstagabend erstmals klar als Völkermord bezeichnet. Das Staatsoberhaupt setzte sich damit über Bedenken hinweg, dass dies die Beziehungen zur Türkei beschädigen könnte.

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Deutschlands Paradigmenwechsel

Am Freitag schloss sich der Bundestag Gaucks Bewertung an. "Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, war ein Völkermord", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Redner aller Fraktionen teilten diese Einschätzung. Mit der Debatte verabschiedete sich die deutsche Politik von der weitgehenden Praxis, den Begriff Völkermord aus Rücksicht auf die Türkei zu vermeiden.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) meldeten sich allerdings nicht selbst zu Wort. Sie verfolgten die Aussprache im Parlament von der Regierungsbank aus.

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Demonstranten in der Türkei fordern Aufarbeitung

Tausende Menschen gingen in Istanbul für die Anerkennung der Gräueltaten als "Völkermord" durch die Türkei auf die Straße. Der Protestmarsch zog am Freitagabend durch die zentrale Einkaufsmeile Istiklal Caddesi. Er endete kurz vor dem Taksim-Platz, den die Polizei gegen Demonstranten abgeriegelt hatte. Teilnehmer des Marsches riefen "Wir sind alle Armenier". An der Spitze des Protestmarsches trugen Demonstranten ein Plakat mit der Aufschrift: "Der Völkermord dauert an".

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach den Nachfahren der Opfer sein Beileid aus. "An diesem Tag, der für unsere armenischen Bürger eine besondere Bedeutung hat, gedenke ich aller Osmanischen Armenier mit Respekt, die unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges ihr Leben verloren haben", erklärte er. Im Zusammenhang mit den Massakern sprach er von "traurigen Ereignissen"..

Zentrale Gedenkfeier in Eriwan

Am Freitag gedachten Armenier weltweit der Opfer der Massaker, die am 24. April 1915 mit Festnahmen prominenter Armenier in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, begannen. Armenien erinnerte mit mit einer Schweigeminute an die Opfer. Präsident Sersch Sarkissjan legte an der zentralen Gedenkstätte in der Hauptstadt Eriwan Blumen nieder. "Nichts ist vergessen, nach hundert Jahren erinnern wir uns", sagte Sarkissjan. Er forderte er die Türkei auf, die Massaker als Völkermord anzuerkennen. An der Zeremonie nahmen Frankreichs Präsident François Hollande, Russlands Staatschef Wladimir Putin und weitere Politiker aus dem Ausland teil.

Weltweites Gedenken an hunderttausende Opfer

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