Islamischer Staat Brutalstes Buhlen um Aufmerksamkeit

Ein Konvoi mit IS-Kämpfern auf einem Archivbild

(Foto: AP)

Das Video, das die Ermordung des US-Fotografen James Foley zeigt, schockiert die Welt. Die Dschihadisten-Miliz fordert so nicht nur Amerika und dessen Präsidenten Obama heraus - IS wirbt durch die brutale Inszenierung auch um neue Anhänger.

Von Martin Anetzberger und Antonie Rietzschel

Sie sprechen zynisch von einer "Botschaft an Amerika" - ein Video zeigt die Hinrichtung des US-Journalisten James Foley. Der 2012 entführte Fotograf Foley trägt einen orangefarbenen Overall, der an die Guantanamo-Insassen erinnert. Als Motiv nennen die Kämpfer der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS, früher auch Isis): die von Präsident Obama angeordneten Luftangriffe auf IS-Stellungen im Nordirak. Sollten diese nicht eingestellt werden, so drohen die Dschihadisten damit, einen zweiten amerikanischen Reporter zu töten.

Bisher hatte sich die sunnitische Miliz vor allem auf die Eroberung von Gebieten im Irak und in Syrien konzentriert, um dort ihr Ende Juni ausgerufenes Kalifat zu vergrößern. Zeigt die brutale und öffentlichkeitswirksame Ermordung Foleys nun, dass der Westen in den Fokus der sunnitischen Miliz rückt?

Erzähler schwieriger Geschichten

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An Drohungen, die der Islamische Staat äußerst professionell verbreitet, mangelt es nicht: Im Interview mit dem Magazin Vice fordert Abu Mosa, ein Sprecher des IS, die USA dazu auf, amerikanische Soldaten in den Irak zu schicken. "Wir werden sie überall erniedrigen. Und so Gott will, werden wir die Flagge von Allah im Weißen Haus hissen." ​In einem weiteren Vice-Video ist ein angeblich aus Belgien stammender Dschihadist zu sehen, der mit seinem kleinen Sohn darüber spricht, wie sie "Ungläubige" in Europa töten wollen.

Mitte August erschien auf Twitter ein Foto, dessen Authentizität bisher unklar ist. Auf dem Bild ist das Weiße Haus bei Nacht zu sehen. Aus dem Dunkeln taucht die schwarze Flagge der Dschihadistengruppe Islamischer Staat auf. Versehen ist der Tweet mit dem Hashtag #AmessagefromISIStoUS ("Eine Botschaft vom IS an die USA"). Dem Secret Service ist das Bild bekannt. Man werde sich darum kümmern, heißt es dort.

Kaum hatte Obama Mitte August amerikanische Luftschläge gegen IS-Stellungen im Nordirak angeordnet, war in Washington über das damit verbundene Risiko debattiert worden. Das US-Engagement könnte die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der IS "gegen das Heimatland losschlage", sagt Seth Jones von der Denkfabrik Rand Corporation. Je mehr die USA die irakische Regierung im Kampf gegen IS unterstützten, "desto eher werden wir zum Ziel", sagte Michael Morell, der ehemalige Vizechef der CIA, dem Time Magazine.

Kampf gegen den Westen gehört zur Ideologie von IS

Andere waren zurückhaltender. "Wir dürfen unsere Politik von dieser Sorge nicht in Geiselhaft nehmen lassen", sagt etwa Daniel Benjamin, ein ehemaliger leitender Beamter im US-Außenministerium. Aaron Zelin vom Washingtoner Institut für Nahostpolitik meint sogar, die Luftschläge änderten nichts an der Terrorgefahr, die vom IS ausgehe. "Meiner Meinung nach sollten wir sie so schnell wie möglich zerstören." Peter Bergen und David Sterman argumentierten in einem Gastbeitrag für CNN, dass der IS trotz seiner Macht im Irak und seiner "abscheulichen" Gewalt keine "ernsthafte Gefahr" für amerikanisches Territorium darstelle.

Peter Neumann, Terrorforscher am Londoner King's College, glaubt, dass die US-Luftangriffe eine Konfrontation mit dem Islamischen Staat lediglich beschleunigt haben. Eines Tages wäre IS so groß und mächtig geworden, dass die Amerikaner ohnehin hätten eingreifen müssen, sagt er im Gespräch mit Süddeutsche.de. "Es war immer eine Illusion zu glauben, dass sich die USA wegducken können", wenn im Herzen des Nahen Ostens ein Kalifat errichtet werde.

Amerika sei als Feindbild auch vor dem Hinrichtungsvideo stets präsent gewesen, erläutert Neumann: "Schließlich ist der Kampf gegen den Westen Teil der Ideologie der Gruppe." Solch brutale Aktionen wie die Ermordung Foleys dienten auch dazu, um weltweit für Aufmerksamkeit zu sorgen, sagt Neumann. So bizarr es klingt: Die Pflege der eigenen Marke ist auch unter Islamisten wichtig.