Frankreichs Präsident Monsieur Hollandes wundersame Wandlung

Die Franzosen reiben sich verwundert die Augen, wenn sie ihren neuen Präsidenten im Fernsehen sehen. Selbstbewusst und souverän hat sich der unerfahrene Hollande auf der weltpolitischen Bühne Gehör verschafft. Nun hofft er, dass ihm diese Wandlung auch zu Hause nützt.

Von Stefan Ulrich, Paris

Aller Anfang ist leicht, jedenfalls für den neuen französischen Präsidenten. Kaum im Amt, hat François Hollande sein erstes Rendezvous mit der Welt überraschend souverän bestanden. "Sein Start war exzellent", lobte der amerikanische Präsident Barack Obama seinen französischen Kollegen, den er während der vergangenen Tage erst im Weißen Haus in Washington, dann beim G8-Gipfel in Camp David und schließlich beim Nato-Treffen von Chicago näher kennenlernen konnte. Hollandes Außenminister Laurent Fabius meinte sogar in Anlehnung an die Reitersprache, sein Chef sei einen fehlerfreien Parcours gegangen.

So ganz stimmt das allerdings nicht, denn Hollande leistete sich durchaus zwei protokollarische Patzer. Zur lockeren Gesprächsrunde in Camp David erschien er als einziger Mann mit Krawatte. Beim Nato-Treffen tauchte er dagegen zunächst gar nicht auf und verbummelte so die Rede Obamas. Aber das waren eher Petitessen, die dem Neuling niemand übelnahm. Aufsehen erregte dagegen, wie gelassen sich Hollande unter den Weltmächtigen präsentierte und wie selbstbewusst er seine Ansichten vorbrachte. Er selbst sagte dazu, ein französischer Präsident dürfe sich von nichts beeindrucken lassen.

Viele Franzosen rieben sich verwundert die Augen, während sie die gelungenen Auftritte ihres Staatschefs im Fernsehen verfolgten. Schließlich galt der Sozialist Hollande bis zu seiner Wahl Anfang Mai als außenpolitisch völlig unerfahren. Die Vertrauten des bisherigen konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy behaupteten, Hollande sei viel zu leichtgewichtig, um sich in der internationalen Politik zu behaupten.

Zugleich schnitten viele Staats- und Regierungschef - darunter Angela Merkel, Barack Obama und David Cameron - den sozialistischen Kandidaten während des Wahlkampfes. Nun hat er sich als Präsident binnen Tagen Gehör und Respekt verschafft.

Hollande will beweisen, dass er Wort hält

Hollande versteht es, diesen Erfolg fürs heimische Wahlvolk in Szene zu setzen. So will er es gewesen sein, der das Thema Wirtschaftswachstum ins Zentrum des G8-Treffens gerückt habe. Damit sei er schon jetzt dem Mandat gerecht geworden, das ihm die Franzosen erteilt hätten, lobte er sich selbst. Hollande hatte den Bürgern im Wahlkampf versprochen, sich in Europa und der Welt dafür einzusetzen, dass die Industriestaaten nicht nur sparen sondern auch energisch die Wirtschaft ankurbeln. Nun wollte er beweisen, dass er Wort hält.

Mit dieser Absicht ging Hollande auch in die Nato-Tagung. Dort machte er seinen Partnern klar, der Rückzug der französischen Truppen aus Afghanistan noch in diesem Jahr sei "nicht verhandelbar". Allerdings zeigte sich der neue Präsident dann doch flexibel genug, um eine Lösung zu finden, mit der alle leben können: Frankreich zieht nur seine Kampftruppen ab, lässt aber über das Jahr 2012 hinaus Ausbilder am Hindukusch, um die afghanischen Sicherheitskräfte zu trainieren. Auch wird sich Paris weiterhin finanziell in Afghanistan engagieren.

Zudem gab Hollande in Chicago seine Vorbehalte gegen einen Raketen-Schutzschild für Europa auf. Damit zeigte er sich als ein Pragmatiker, der es sich mit seinem wahlkämpfenden Gastgeber Obama nicht verderben wollte.

In der französischen Presse ist nun bereits vom "Stil Hollande" die Rede. Er soll insbesondere darin bestehen, bei Verhandlungen sämtliche Streitpunkte offen und direkt zur Sprache zu bringen, um dann Kompromisse zu finden. So möchte der französische Präsident auch an diesem Mittwoch beim inoffiziellen Diner der EU-Spitzen in Brüssel verfahren. Dort will er seine Wachstumsstrategie weiter verfechten - vor allem gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Hollande kündigte bereits an, in Brüssel ein ganzes Bündel von Vorschlägen auf den Tisch zu legen. Darin sollen sich auch die sogenannten Euro-Bonds - also gemeinsame Staatsanleihen der Euro-Länder - befinden. Die Bundesregierung lehnt sie strikt ab. Die Konsens-Suche dürfte somit deutlich schwieriger werden als bei der Nato in Chicago. Denn gerade die Neuorientierung der Euro-Politik war das zentrale Versprechen Hollandes im Präsidentschaftswahlkampf.

Botschaften für die politische Zukunft

Bei seinen internationalen Auftritten schielt der neue Staatschef mit einem Auge stets auf die Lage daheim. Er will den Franzosen demonstrieren: Ich werde in der Welt wichtig genommen, und ich setze mich dort für eure Interessen ein. Ob diese Botschaft ankommt, ist für Hollandes politische Zukunft entscheidend. In Frankreich wird im Juni eine neue Nationalversammlung gewählt. Dabei möchte der Präsident unbedingt eine Mehrheit für seine Sozialisten und deren kleine Bündnispartner gewinnen.

Sollten dagegen die Konservativen siegen, müsste Hollande künftig mit einer rechten Regierung vorlieb nehmen. Das könnte ihn - und damit Frankreich - politisch blockieren, zum Schaden von ganz Europa. Umso erleichterter sind die Sozialisten über den starken Auftritt ihres Präsidenten in Übersee. Sie finden, der früher jovial-biedere, stets zu Scherzen aufgelegte Hollande sei schnell zum Staatsmann gereift.

So weigerte sich der Fußballfan bei einer Pressekonferenz am Sonntag in Chicago sogar, eine Reporterfrage nach dem französischen Überraschungs-Fußballmeister Montpellier zu beantworten. Hollandes alter Freund und neuer Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian meinte verblüfft: "Dies ist das Zeichen, dass er sich total verwandelt hat."

Adieu Nicolas - Bienvenu François

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