EU-Gipfel "Viele Polen fühlen sich enteignet im eigenen Land"

Ein Wahlplakat der PiS mit der heutigen polnischen Premierministerin Beata Szydło.

(Foto: REUTERS)

Drei junge Polen sprechen über die polnische Wut auf den "Oberlehrer Deutschland", die Angst vor Flüchtlingen und den Machtverlust der liberalen Kräfte in ihrer Heimat.

Interview von Hannah Beitzer

"Wir Polen beurteilen auch ständig andere - Griechenland zum Beispiel oder die Ukraine": Piotr Ochmański, 27 Jahre, Kamila Jeka, 23 Jahre, und Krzysztof Ignaciuk, 25 Jahre, studieren in Deutschland. Dass deutsche Politiker sich in die polnische Politik einmischen, finden sie in Ordnung. Mit der in Polen regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und ihrer Politik können sie wenig anfangen. Und verstehen trotzdem, warum sie an die Macht gekommen ist.

SZ: Deutschland solle nicht immer so oberlehrerhaft sein - mit diesen Worten kritisierte der sächsische Ministerpräsident Tillich die deutsche Haltung zu Polen. Sind die Deutschen zu besserwisserisch?

Piotr Ochmański: Ein bisschen überheblich sind sie schon manchmal. Ich habe das Gefühl, dass viele Deutsche denken, Polen seien ungebildet und arm - diese Vorurteile zeigen sich zum Beispiel in Polenwitzen. Dabei vergessen die Deutschen manchmal, dass die Polen sehr gelitten haben.

Kamila Jeka: Als ich den Vater meiner Mitbewohnerin kennengelernt habe, sagte er sofort: "Mensch, ihr Polen! Was habt ihr wieder gemacht mit dem Kaczyński!" Oft sind die Leute hier auch erstaunt, dass ich nicht in die Kirche gehe. "Du bist überhaupt keine typische Polin!", höre ich dann. Dabei verändert sich bei uns in der Gesellschaft auch was, nicht alle Polen sind gleich.

Krzysztof Ignaciuk: Meine Erfahrung ist eine andere. Die Leute sind eher interessiert als überheblich. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass die rechtskonservativen Kräfte in Polen die Deutschen als Oberlehrer empfinden.

Jeka: Wenn ich manchmal im Internet polnische Seiten lese, dann regen sich viele Polen auf, dass die Deutschen Kritik an der Partei Recht und Gerechtigkeit äußern. Da standen nach Silvester zum Beispiel Dinge wie: "Die sollen sich mal lieber um ihre Frauen kümmern als um unsere Gesetze."

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Die Gesetze, die Sie ansprechen, betreffen zum Beispiel die polnischen Medien oder die Verfassungsgerichte. Sie werden stärker der Kontrolle des Staates unterstellt. Wie finden Sie es, wenn deutsche Politiker diese Entwicklungen kritisieren?

Jeka: Wir Polen beurteilen auch ständig andere - Griechenland zum Beispiel, oder die Ukraine. Warum soll Deutschland das nicht dürfen? Deutschland hat eben in einiger Hinsicht mehr erreicht als Polen, wirtschaftlich und politisch. Wir sollten es daher als Vorbild sehen, nicht als Feind.

Zurzeit stehen sich Deutschland und Polen besonders in der Flüchtlingspolitik als Gegner gegenüber.

Ignaciuk: Das wird von rechten Politikern in Polen natürlich angetrieben. Dabei wäre die Flüchtlingshilfe finanziell kein Problem. Ich fände es auch schädlich für das Image von Polen, wenn das Gefühl von Mitleid und Solidarität verlorenginge. Wir haben Milliarden Euro an EU-Geldern bekommen. Viele Polen sind in der Vergangenheit geflohen und haben im Ausland Hilfe bekommen. Und jetzt wollen wir uns nicht revanchieren?

Jeka: Die Polen denken natürlich, dass sie anders waren als die Flüchtlinge heute. Weil sie waren ja nicht gefährlich. Außerdem wollen sie alles unter Kontrolle haben. Ein paar Flüchtlinge dürfen dann schon kommen, aber nicht so viele ...

Ochmański: ... und nur Christen (lacht)! Polen ist ein sehr homogenes Land. Die Leute fürchten sich vor anderen Kulturen.

Ignaciuk: Als ich zu Weihnachten in Polen war, habe ich in meinem Umfeld absurde Zahlen gehört: 90 Prozent der Flüchtlinge wollen nicht arbeiten! Ich frage mich: Wo kommen denn solche Angaben her, woher wollen sie das wissen?