Führungswechsel bei der Linken Wohlklingende Ersatzlösung

Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht beim Bundesparteitag der Linken am 7. Juni in Bielefeld

(Foto: dpa)
  • Die Bundestagsfraktion der Linkspartei wird in Zukunft von Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch geleitet. Das bestätigt der stellvertretende Parteichef Axel Troost.
  • Nach ihrer Nominierung durch den Parteivorstand sollen Wagenknecht und Bartsch im Oktober zur neuen Doppelspitze gewählt werden und Gregor Gysi ablösen.
  • Das Prinzip Doppelspitze erfreut sich zwar in der Theorie großer Beliebtheit, stellt sich in der wirtschaftlichen und politischen Praxis als durchaus problematisch dar.
Von Jan Heidtmann

Die Politik ist reich an Sportvergleichen. Der Marathon gehört dazu, der Gipfelsturm, und seit geraumer Zeit auch die Doppelspitze. Im Fußball wurde das Konstrukt Ende der 1970er-Jahre in der Nationalmannschaft installiert. 1990 gewannen Jürgen Klinsmann und Rudi Völler in dieser Formation die WM. Wenig überraschend also, dass es seitdem auch in der Politik eine Reihe von Doppelspitzen gab: bei der CSU, bei der SPD, bei den Grünen sowieso.

An diesem Montag stellt die Linke ihre Doppelspitze für die Bundestagsfraktion vor: Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch sollen im Herbst den Stürmer Gregor Gysi ersetzen. Das bestätigte der stellvertretende Parteichef Axel Troost.

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Selten wird aus der Doppelspitze ein Tandem

Das Modell der geteilten Führung ist so populär, dass sich in der Wirtschaft bereits ein eigener Begriff dafür etabliert hat: Top-Sharing. Unternehmensberater prophezeien, dass es zum Leitbild auf der Chefetage werde. Das klingt gut - vor allem in der Theorie. Praktisch hat nicht nur der Fall der Deutschen Bank gezeigt: Es ist gar nicht so leicht damit. Dort geben die beiden Chefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain auf, in Zukunft wird das Haus wieder aus einer Hand geleitet. Und als beim Luftfahrtunternehmen EADS 2007 die Doppelspitze abgeschafft wurde, verkündete der verbliebene Vorstandschef Louis Gallois: "Nun beginnen wir mit Einführung einer klaren Führungsstruktur."

Wolfgang Grupp, eigenwilliger Besitzer der Kleidungsfirma Trigema, hält die Doppelspitze schlicht für feige: "Meistens braucht man nur dann zwei Entscheidungsträger, wenn keiner von beiden die Verantwortung tragen will." In den seltensten Fällen jedenfalls ergänzen sich zwei so, dass aus der Doppelspitze ein Tandem wird. Denn in den machtverliebten Chefetagen kommt schnell auch die Frage auf: Warum braucht es eigentlich zwei, um den Job von einem zu machen?

Modell des Übergangs

Tatsächlich bemäntelt das Top-Sharing oft nur die Unfähigkeit, Ersatz für den prägenden Vorgänger zu finden. So war es bei der CSU nach dem erzwungenen Rücktritt von Edmund Stoiber. Günther Beckstein wurde Ministerpräsident, Erwin Huber CSU-Vorsitzender. Ihre Ära währte ein Jahr, dann kam Horst Seehofer. Die Doppelspitze war da bloß ein Modell des Übergangs, das man sich schöngeredet hatte.

Die Grünen haben diese Vorstellung zum Prinzip erhoben: Partei und Bundestagsfraktion werden doppelt besetzt, säuberlich getrennt nach Geschlecht und Flügel. Mit dem Ergebnis, dass kaum jemand sagen kann, wofür die Grünen stehen. Frank Stauss, der als Werber Wahlkämpfe für die SPD konzipiert, sieht in der Doppelspitze eine Notlösung: "Ungeklärte Konflikte" würden in Strukturen gegossen. Die Linke sei das beste Beispiel dafür, Sahra Wagenknecht für die sehr linken Linken, Dietmar Bartsch für die nicht ganz so linken Linken. "Die Doppelspitze ist letztlich das Abbild von Uneinigkeit bis hin zur Zerrissenheit."

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Das Problem an der geteilten Macht: Für den Parteiapparat mag sie praktikabler sein. Nach außen aber "ist die Doppelspitze das Gegenteil von zeitgemäß", sagt Stauss. Denn je mehr sich Bürger auf unterschiedlichsten Kanälen informierten, desto wichtiger sei es, dass Parteien eine klare Kontur zeigten. So sei es kein Wunder, dass kaum jemand die vier Führenden bei den Grünen benennen könne. "Die alle bekannt zu machen, ist eine Herkulesaufgabe."