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Scheidender Fraktionschef:Wie Gysis Abschied der Linken helfen kann

Gregor Gysis Abschied ist eine Befreiung, die Linke könnte historische Versäumnisse korrigieren. Aber hat sie dazu die Kraft?

Ein Ruck, auch Tränen, und weg ist Gregor Gysi. Der erste Mann der Linkspartei hat beim Bielefelder Parteitag noch einmal das ganz große Feuerwerk abgebrannt und in einer emotionalen Rede seinen Abschied angekündigt. Gysi kandidiert nicht mehr als Fraktionsvorsitzender im Bundestag und führt seine Partei auch nicht als Spitzenkandidat in die nächste Bundestagswahl.

Für die Linke ist diese Entscheidung der größte anzunehmende Verlust. Einen wie Gysi haben sie nicht zweimal in der Partei. Aber auch unter Gysis Widersachern im Bundestag dürfte mancher diesen Abgang bedauern, wenn auch heimlich.

Gysi ist eine Persönlichkeit wie sie selten geworden ist in der Politik, daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er jahrelange Stasi-Vorwürfe gegen seine Person nie hat abschütteln können. Tritt er jetzt in die zweite Reihe zurück, dürfte die Linksfraktion wieder unberechenbarer werden und der Alltag im Bundestag langweiliger.

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Die Linke ohne Gysi: Wie wird sich die Partei verändern?

Zehn Jahre lang war Gregor Gysi der Chef der Linksfraktion. Jetzt will er sich zurückziehen. Ab Herbst wird er nur mehr Abgeordneter sein. Was wird aus der Partei ohne den Politiker?   Diskutieren Sie mit uns.

Gregor Gysi war ein Magier - aber kein Reformer

Ein Grund zur Trauer aber ist der Rückzug nicht. Der 67-Jährige hat drei Herzinfarkte und eine gefährliche Gehirnoperation überlebt, ohne deshalb von der Bühne abtreten zu wollen. Nun hat er sich zum Entzug von der Droge Politik entschieden.

Er hat sich bei seinen Angehörigen und Freunden entschuldigt dafür, zu wenig gemeinsame Zeit mit ihnen verbracht zu haben. Dazu sollte man ihm gratulieren. Gysi darf sich auch zugutehalten, seiner Partei und den Ostdeutschen seit 1990 mehr Gehör, auch mehr Respekt verschafft zu haben.

Noch höher aber wäre dieser Respekt ausgefallen, hätte Gysi sich nicht erst jetzt, in seiner Abschiedsrede, sondern viel früher und nicht unter äußerem Druck, sondern aus eigenem Antrieb der DDR-Vergangenheit gewidmet. Nach dem offiziellen Bruch der Partei mit dem Stalinismus unmittelbar nach der Wende ging von der Linkspartei kein eigener Impuls mehr aus zur Befassung mit dem Gestern und den Gestrigen.

Man wand sich, kämpfte vor Gericht, statt die Diktatur ohne Rücksichten auf persönliche Befindlichkeiten aufzuarbeiten. Das hat die Linke, auch Gysi, einsam gemacht im Kreis demokratischer Parteien.

Beim Parteitag in Bielefeld hat er seinen Leuten nun Mut zum Abschied zugesprochen und ihnen wortreich vor Augen geführt, wo die Reise hingehen muss, will die Partei jemals etwas bewegen in der Bundesrepublik.

Gregor Gysi

Rückzug auf dem Höhepunkt der Macht

Sie muss die Angst vor dem Kompromiss hinter sich lassen, raus aus der Nische der verhuschten Opposition. Und sie muss den Willen entwickeln, die Dinge verändern zu wollen, auch regieren zu wollen, selbst wenn das ohne Schwierigkeiten nicht geht. Ein Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein war das. Gysi wird seinen Leuten fehlen.