Baden-Württemberg: Interview mit Grünen-Kandidat Kretschmann: "Mappus ist nicht konservativ"

Volle Breitseite drei Tage vor der Wahl: Grünen-Spitzenkandidat Kretschmann wirft Baden-Württembergs Landesvater Mappus und der Union vor, konservative Werte zu verraten - und verweist auf den Plagiatsfall Guttenberg. Kretschmann, der Deutschlands erster grüner Ministerpräsident werden kann, äußert sich auch zu Brüderles Atom-Kommentar und erklärt, warum er sich von der CDU diffamiert fühlt.

Interview: Roman Deininger und Oliver Das Gupta

Winfried Kretschmann, heute 62, kommt von der Schwäbischen Alb. Der Kindheit in einem aufgeklärten katholischen Elternhaus folgt die 68er-Sozialisation in linksradikalen K-Gruppen - ein "fundamentaler politischer Irrtum", wie Kretschmann heute sagt. Der Realpolitiker gründet die Grünen in Baden-Württemberg zieht mit Ihnen 1980 in den Stuttgarter Landtag ein. Nach weniger als eineinhalb Jahren an der Seite des hessischen Umweltministers Joschka Fischer siedelt der Gymnasiallehrer wieder ins in die Heimat um. Seit 2002 führt er die Grünen-Fraktion im Landtag. Womöglich werden die Grünen bei der Landtagswahl am 27. März stärker als die SPD - und Winfried Kretschmann erster grüner Ministerpräsident der Republik.

Das folgende Gespräch findet in Kretschmanns Büro im Landtag statt. Der dreifache Familienvater spricht bedächtig, nur einmal wird er energisch: Als es um Koalitions-Konstellationen geht, klopft er immer wieder auf den Tisch, dass es das Aufnahmegerät als kräftiges Scheppern konserviert.

SZ: Herr Kretschmann, falls Ihnen der Regierungswechsel in Stuttgart gelingt, dürfen Sie den Stromkonzern EnBW mitmanagen. Wie fühlt sich die Aussicht an, womöglich bald Atomkraftwerke mitzubetreiben?

Winfried Kretschmann: Die Meiler sind da, egal, ob sie dem Land Baden-Württemberg gehören oder nicht. Und wir werden alles daran setzen, sie schnellstmöglich abzuschalten. Das Problem liegt woanders: Ministerpräsident Stefan Mappus hat die Anteile am Konzern zu einem weit überhöhten Preis gekauft. Dadurch wird es extrem schwierig, das Unternehmen umzugestalten und strategische Partner zu gewinnen. Wir schätzen, dass der Deal 900 Millionen Euro über dem eigentlichen Wert lag. Durch die Reaktorkatastrophe in Japan nimmt die ohnehin schon bestehende Gefahr zu, dass uns das beim Haushalt auf die Füße fällt. Der Aktienwert sinkt, auch die Dividende wird niedriger ausfallen. Die EnBW ist ein Klotz am Bein.

SZ: Wie kann eine rot-grüne oder grün-rote Landesregierung den Atomausstieg beschleunigen?

Kretschmann: Zwei Dinge: Wir werden uns sicherlich der Klage der Länder gegen die Laufzeitverlängerung anschließen. Außerdem werden wir eine harte Atomaufsicht führen, egal, wem die Kraftwerke gehören.

SZ: Was ist mit personellen Veränderungen in der EnBW-Führung?

Kretschmann: Auch das wird schwierig. Ob wir die alten Aufsichtsräte dazubekommen würden, abzutreten, bleibt abzuwarten. Wir hatten die noch amtierende Landesregierung in Stuttgart aufgefordert, die Wahl der EnBW-Aufsichtsräte auf die Zeit nach der Wahl zu verschieben, damit die neue Regierung entscheiden kann - doch die weigerte sich. Das war wieder mal typisch Mappus: Fakten schaffen, der Rest ist ihm total egal.

SZ: Nach dem Atomunfall von Fukushima-1 liegen die Grünen in den Umfragen wieder vor der SPD. Profitieren Sie von einer Katastrophe?

Kretschmann: Natürlich bringt das Geschehen in Japan das Thema wieder in den Vordergrund und facht die Debatte in der Bevölkerung an. Aber die Atomkraft war auch vorher schon ein zentrales Wahlkampfthema, weshalb sollen wir das Thema ausklammern, immerhin gehört es zur Gründungsurkunde der Grünen.

SZ: SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid hat Mappus in Bezug auf ein Gutachten zur EnBW-Übernahme vorgeworfen, gelogen zu haben. Gehört solches Vokabular zum guten Stil?

Kretschmann: Fragen Sie den, der es gesagt hat. Aber Verbalinjurien sollten nicht den Blick auf die Wahrheit versperren: Es gab kein Gutachten vor dem EnBW-Kauf, man versucht sich damit rauszureden, dass das mündlich erfolgte - das ist doch abenteuerlich! Dann wird ein Drei-Seiten-Papier, betitelt mit "verfassungsrechtliche Stellungnahme" nachgereicht, in dem so gut wie nichts drinsteht. Der Finanzminister ist am 5.12. um 23 Uhr informiert worden - wenige Stunden vor dem Deal, wie sollte er dieses komplexe Geschäft prüfen? Es bleibt dabei: Mappus hat das Parlament getäuscht. Die Methode Mappus heißt: unseriöses Regieren.

SZ: Der Kauf sollte Stefan Mappus zufolge die Stromversorgung Baden-Württembergs sichern - zu günstigen Preisen, auch dank der Atomkraft.

Kretschmann: Ach was, der Kauf hatte nur einen Grund: die Wahl. Sachlich war er durch nichts gerechtfertigt: Die Verträge laufen erst dieses Jahr aus, die Warnung vor angeblichen anderen ausländischen Investoren war eine reine Schutzbehauptung.

SZ: Eigentlich müssten die Grünen frohlocken über einen CDU-Ministerpräsidenten, der so viel Angriffsfläche bietet.

Kretschmann: Wir sind den Interessen des Landes verpflichtet. Da kommt keine Freude auf, wenn ein Ministerpräsident mal so Steuergeld in Milliardenhöhe versenkt. Verblüffend ist allerdings, dass er auch seine Parteifreunde so ankoffert.

SZ: Was meinen Sie?

Kretschmann: Dass er die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin auffordert, ihren Umweltminister zu entlassen - wie letztes Jahr geschehen. Oder dass er eineinhalb Jahre vor der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl verkündet, dass der CDU-Amtsinhaber Schuster nicht antritt - obwohl der noch gar nichts zu seiner Zukunft gesagt hatte. Solch ein Gebaren löst in unserem Land Befremden aus. Der Regierungsstil der Grünen wird völlig anders sein. Das Land hat einen anderen Ministerpräsidenten verdient, der Besonnenheit und Maß besitzt.