Amerikas Kinderimmigranten Verloren am Rio Grande

Mehr als 50 000 allein reisende Kinder und 40 000 Mütter mit Kindern haben die US-Grenzschützer seit Oktober aufgegriffen.

(Foto: Orlando Sierra/AFP)

Allein, ohne Eltern, meist nur mit der Geburtsurkunde im Gepäck fliehen Kinder vor den Drogenbanden in ihrer Heimat und hoffen, in den USA bleiben zu dürfen. Für viele eine Flucht durch die Hölle.

Von Nicolas Richter, Washington

Die Wüste tötet, so war sie schon immer. Sie raubt den Menschen Kraft und Verstand, mancherorts zwischen Mittel- und Nordamerika erinnert sie an einen Friedhof. "Die Knochen zahlloser Unbekannter zerbröseln zu Staub, manche werden vergraben von furchterregenden Sandstürmen, die über die Einöde fegen" - so beschrieb es ein Reisender bereits im Jahr 1850.

Die Landschaft hat sich nicht geändert seitdem. Aber die Menschen, die südlich davon leben, waren vielleicht noch nie so verzweifelt: Sie schicken jetzt ihre eigenen Kinder in die Wüste.

Niemand hat gezählt, wie viele junge Menschen diese Reise zuletzt angetreten haben in Guatemala, El Salvador, Honduras. Die Eltern dort haben ihren Nachwuchs in Scharen den Schlepperbanden anvertraut und ihnen Gottes Segen gewünscht auf der Suche nach dem amerikanischen Traum. Manche der Minderjährigen dürften sich unterwegs verirrt haben, verdurstet oder ihren Verletzungen erlegen sein. Manche sind, wie in diesen Landstrichen üblich, wohl an Wegelagerer geraten, die sie vergewaltigt, als Sexsklaven missbraucht oder ermordet haben.

Die US-Grenzpolizei erwartet, dass die Zahl der Kinder, die unbegleitet über die Grenze zu Mexiko ins Land kommen, dieses Jahr auf 90 000 wächst.

(Foto: Eric Gay/AP)

"Humanitäre Krise"

Immerhin weiß man, wie viele es, meist durch das feindselige Rio Grande Valley hindurch, bis in die Vereinigten Staaten geschafft haben: Mehr als 50 000 allein reisende Kinder und 40 000 Mütter mit Kindern haben die US-Grenzschützer seit Oktober aufgegriffen, so viele wie noch nie, die allermeisten von ihnen in Texas.

Barack Obama, der US-Präsident, nennt es inzwischen eine "humanitäre Krise". Er verlangt vom Kongress fast vier Milliarden Dollar, um die Südgrenze der USA abzudichten und all die kleinen Gestrandeten zu versorgen, die bereits das vermeintlich gelobte Land erreicht haben.

Beklagenswerter Zustand der Einwanderungspolitik

300 Millionen Dollar sollen außerdem nach Mittelamerika fließen, um dort das Elend zu lindern. Die Krise ist akut und systemisch zugleich. Ihre unmittelbare Ursache sind Armut und Gewalt südlich von Mexiko - aus Sicht vieler Eltern dort ist die Flucht nach Norden für ihre Kinder noch das geringste unter vielen möglichen Übeln.

Aber die Krise wurzelt auch im beklagenswerten Zustand der US-Einwanderungspolitik. Pläne für eine Modernisierung stecken im Parlament fest. Die US-Regierung schiebt die Illegalen aus dem Süden mal mehr, mal weniger konsequent ab. Vor zwei Jahren hat Obama den Kongress umgangen und verfügt, dass wenigstens die Kinder illegaler Einwanderer ein faktisches Bleiberecht bekommen sollen, eine halbe Million junge Ausländer hat sich seitdem auch rechtlich in die US-Gesellschaft integriert.