Missbrauchsfall im Breisgau Chronologie eines ungeheuerlichen Falls

Der Missbrauchsfall im Breisgau hat erschreckende Dimensionen. Ihren Anfang nimmt die Geschichte bereits im Jahr 2005.

Von Max Sprick

Zwei Jahre lang soll Christian L. gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Berrin T. deren neunjährigen Sohn missbraucht haben. Außerdem boten sie den Jungen laut Anklage anderen zum Missbrauch an. Die Polizei befreite das Kind im vergangenen September aus seinem Martyrium in einer Kleinstadt nahe Freiburg. Die Ermittler beendeten damit ein Vergehen mit erschreckenden Dimensionen, die erst Stück für Stück öffentlich werden. Bis zur vergangenen Woche hatte die Polizei nach weiteren "Kunden" gesucht, die zum Pädophilenring von L. und T. gehört haben könnten. Eine Chronologie der Ereignisse:

März 2005

Christian L., damals 26 Jahre alt, wird zu einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Auf seinem Computer und Handy hatte die Polizei kinderpornografisches Material gefunden. Ihm wird deshalb auferlegt, eine Therapie gegen seine sexuellen Neigungen zu machen. Vor Gericht erklärt L. sich dazu bereit.

August 2010

Christian L. wird zum zweiten Mal verurteilt: Zu vier Jahren und drei Monaten Haft, weil er ein 13-jähriges Mädchen missbraucht hat. Die Richterin lehnt die von der Nebenklage geforderte Sicherheitsverwahrung ab. "Sie haben eine Chance verdient", sagt sie in ihrer Urteilsbegründung. L. hatte umfassend gestanden und war weiterhin zur Therapie bereit.

20. Februar 2014

L. wird aus der JVA Freiburg entlassen. Er gilt als stark rückfallgefährdet und darf alleine keinen Kontakt zu Kindern oder Jugendlichen haben - nur unter Aufsicht eines Erziehungsberechtigten.

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Anfang 2015

Nach seiner Haftentlassung werden Christian L. und Berrin T. ein Paar. Im Laufe des Jahres beginnt L. der Staatsanwaltschaft zufolge den Sohn von T. zu missbrauchen. Eine Bekannte von L. sagt der Badischen Zeitung, er sei sowohl von seinem Bewährungshelfer als auch von seiner Familie darauf hingewiesen worden, dass er nicht mit dem Jungen allein sein darf.

August 2016

L. beantragt die Aufhebung des Kontaktverbotes, diese wird ihm verweigert. Einen Monat später zieht er trotzdem mit T. und deren Sohn in eine gemeinsame Wohnung in einer Kleinstadt nahe Freiburg.

März 2017

Das Jugendamt nimmt Berrin T.s Sohn in seine Obhut. Gegen L. läuft ein Ermittlungsverfahren, weil ein Kriminalpolizist das Amt darauf aufmerksam gemacht hat, dass er bei T. wohnt. Der Junge bleibt vier Wochen in einer Stelle der Bereitschaftspflege, dann wird er zurückgeschicht, weil seine Mutter der Maßnahme widersprochen hat.

April 2017

Berrin T. erhält die Auflage, nach der Rückkehr ihres Sohnes dafür zu sorgen, dass L. die gemeinsame Wohnung nicht mehr betritt. Auch wenn sie dabei ist, darf L. sich dem Jungen nicht nähern. Das Jugendamt beteuert, es habe bei dem Jungen keinerlei Anzeichen von Missbrauch gegeben. Berrin T. muss sich in psychiatrische Behandlung begeben.

Juni 2017

Christian L. wird zum dritten Mal verurteilt. Wegen Verstoßes gegen seine Bewährungsauflagen soll er vier Monate in Haft, L. legt Berufung ein, das Urteil wird nicht rechtskräftig. Trotz weiterhin bestehenden Kontaktverbots lebt L. mit Berrin T. und deren Sohn zusammen.

10. September 2017

Beim Bundeskriminalamt geht ein anonymer Hinweis ein: Der neunjährige Sohn von Berrin T. soll missbraucht worden sein. Umfangreiche Ermittlungen beginnen. Fünf Tage später finden die Ermittler den Jungen. Er wird in die Obhut des Jugendamts übergeben.

16. September 2017

Eine Spezialeinheit der Polizei nimmt L. vor einem Supermarkt fest. Auch Berrin T. wird verhaftet. Die beiden sollen sich der Staatsanwaltschaft zufolge an dem Jungen vergangen und ihn an andere Männer verkauft haben.

17. September bis November 2017

Ein Schweizer, ein Spanier und zwei Deutsche werden im Zusammenhang mit dem Fall wegen "Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Vergewaltigung in einer Vielzahl von Einzelfällen" festgenommen.

11. Januar 2018

Der Fall wird öffentlich - unmittelbar danach wird erhebliche Kritik an den Behörden laut.

19. Januar 2018

Gegen die an alten Verfahren gegen Christian L. beteiligten Richter ergeht Strafanzeige wegen Rechtsbeugung.

Alleingelassen im Namen des Volkes

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