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Missbrauch von Neunjährigem:Treffpunkt Therapiezentrum

Erster Missbrauchsprozess in Freiburg

Der wegen Kindesmissbrauchs angeklagte Markus K. sitzt im Saal des Landgerichts Freiburg. Seine Taten hat er gestanden.

(Foto: dpa)

Zwei Täter im Missbrauchsfall von Staufen haben sich anscheinend genau dort zu einem Verbrechen verabredet, wo sie wieder gesellschaftsfähig gemacht werden sollten.

Im Darknet geschehen üble Sachen, so viel war bekannt. Es ist der unbeleuchtete Teil des Internets, der auch denen eine Menge Angst macht, die ihn nie besuchen. Von dort stammen die Waffen, die bei Amokläufen benutzt werden, die Drogen, die Leben zerstören, dort werden Filme verkauft, die zeigen, was Menschen Kindern antun können. Dieses Darknet ist der Raum, in dem alles erlaubt zu sein scheint, was verboten ist, und in diesem Teil der Netzwelt war bisher auch der Missbrauchsfall von Staufen angesiedelt. Eine Mutter und ihr pädokrimineller Lebensgefährte verkauften das Kind dieser Frau für Vergewaltigungen an Männer. Übers Darknet.

Der Prozessauftakt gegen einen der Kunden, die den heute neunjährigen Jungen zum Teil mehrmals schwer vergewaltigten, die ihn demütigten auf eine Weise, die jede Vorstellungskraft sprengt, hat diesen Fall ins echte Leben geholt. Kein Darknet war nötig, damit sich Christian L., 37, der Stiefvater des gequälten Kindes, und Markus K., 41, zu einem monströsen Verbrechen verabreden konnten. Es reichten derselbe Knast und dieselbe Therapieeinrichtung. Dort begegneten sie sich. Im real life.

Markus K. ist vor dem Landgericht Freiburg der erste von ingesamt acht Beschuldigten, dem wegen des jahrelangen Martyriums des Jungen der Prozess gemacht wird. Der Gelegenheitsarbeiter K. hat seine Taten gestanden. Vieles von dem, was er seinem vollkommen schutzlosen Opfer angetan hat, ist ohnehin auf Video aufgezeichnet. Solche Videos sind es, die später im Darknet auftauchen. Das kurze Verfahren - schon kommende Woche soll das Urteil fallen - dient nun nur noch dazu, das Geständnis zu verifizieren. Was man hörte im Gericht, macht fassungslos.

L. hat offenbar Neuankömmlinge im Gefängnis auf deren sexuelle Vorlieben abgecheckt

Markus K. und Christian L. sind beide vorbestrafte Sexualstraftäter, sie haben beide schon vor Jahren Kinder vergewaltigt, kinderpornographisches Material besessen, sie sind zu ähnlich langen Haftstrafen verurteilt und nach deren Verbüßung wieder freigelassen worden. Sie kannten sich vor ihren ersten Taten nicht, aber sie lernten sich kennen, als sie beide in der JVA Freiburg einsaßen. Fast parallel, jeder mehr als vier Jahre. Als sie frei kamen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten, hielt die Strafjustiz sie weiterhin für so gefährlich, dass sie beide Auflagen bekamen, sie wurden unter Führungsaufsicht gestellt. Keiner von ihnen durfte sich Jugendlichen oder Kindern nähern, wenn deren Erziehungsberechtigte nicht dabei waren. Beide wurden zu Probanden eines Projekts erklärt, das es seit 2010 in Baden-Württemberg gibt und das speziell für schwer rückfallgefährdete Sexualstraftäter entwickelt wurde, es heißt "Kurs". Und beiden wurde eine Therapie auferlegt.

Dort, so legten die Zeugenaussagen des ersten Verhandlungstages nahe, in den Räumen der forensischen Ambulanz in Freiburg, begegneten sich Markus K. und Christian L. wieder, ein paar Jahre nach ihrer Haftentlassung. Noch ist nicht ganz klar, ob das der Erstkontakt war oder ob sich K. schon davor per Facebook-Messenger bei L. gemeldet hatte mit der Frage, ob er "etwas für ihn im Angebot" habe. So zitierte es die Staatsanwältin aus der Anklage. L. hatte: den Sohn seiner Freundin, die er nach der Haft kennengelernt hatte und bei der er lebte, trotz aller Auflagen. Mit dem Sohn unter einem Dach. Die Mutter wusste davon, machte mit, gegen sie und L. beginnt ein Verfahren im Juni.

Die Vorstellung, dass solche Straftäter, zwei als sehr gefährlich eingestufte Männer, ausgerechnet dort auf Gleichgesinnte treffen, wo sie wieder zu gesellschaftsfähigen Menschen werden sollen, bei der Therapie, ist nicht zu verstehen. Offenbar hat niemand etwas von diesem verhängnisvollen Kontakt bemerkt, der dreckige Deal fand tatsächlich statt. Zweimal missbrauchte K. den Stiefsohn von Christian L. innerhalb weniger Wochen, das letzte Mal im September 2017, nur wenige Tage bevor der pädokriminelle Kreis durch einen anonymen Tippgeber aufgeflogen ist.

Christian L., auch das wurde im Prozess deutlich, hat offenbar schon während seiner Haft Neuankömmlinge im Gefängnis auf deren sexuelle Vorlieben abgecheckt, per Fragebogen. Zumindest gab ein Polizeibeamter als Zeuge wieder, dass das ein Mithäftling ausgesagt habe.

Der Knast als Anbahnungsstätte für neue Geschäfte nach der Entlassung, das Therapiezentrum als Kontaktraum schwerstkrimineller Sexualstraftäter? Es wird auch nach dem Urteil gegen Markus K., dem eine lange Haftstrafe und Sicherungsverwahrung drohen, viel Aufklärungsbedarf bleiben.

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