Ein Jahr Papst Franziskus Radikal, global, konservativ

Kurienmitarbeiter fahren Taxi, der Papst lebt im Gästehaus und darüber, wie sie mit Geschiedenen umgehen wollen, dürfen Kardinäle nun immerhin diskutieren. In seinem ersten Jahr als Papst hat Jorge Mario Bergoglio die katholische Kirche aufgemischt. Doch bei den Mitarbeitern des Vatikans ist die Stimmung schlecht.

Eine Analyse von Matthias Drobinski und Andrea Bachstein, Rom

Es ist eine Versammlung würdiger Herren, die sich da hinter verschlossenen Türen im Vatikan zur Kardinalsversammlung trifft - um neue Mitglieder in ihrer Mitte willkommen zu heißen und um in lange nicht mehr gekannter Offenheit über die Zukunft der katholischen Kirche zu debattieren.

Walter Kasper hält das Hauptreferat; unter Benedikt XVI. war der deutsche Theologe der Ökumene-Beauftragte des Papstes, ein Mann von gutem Ruf und begrenztem Einfluss. Doch nun redet er, zwei Stunden lang, auf den Wunsch des neuen Papstes Franziskus hin, der ihm auch das heikle Thema aufgetragen hat: Wie soll die Kirche mit Geschiedenen umgehen, die wieder geheiratet haben? Nach der gegenwärtigen Lehre sind sie von den Sakramenten ausgeschlossen.

Der 80-jährige Kasper hat schon öfters erklärt, dass er diese Regelung für zu starr hält. Nun argumentiert er vorsichtig, stellt mehr Fragen, als dass er selber die Antworten gibt. Generell sollten Geschiedene, die wieder heiraten, nicht zu den Sakramenten zugelassen werden, sagt er, aber könnte man nicht über differenzierte Einzelfall-Lösungen nachdenken? Ausgerechnet zwei deutschen Kardinälen geht das zu weit - Joachim Meisner, der Kölner Kardinal, und Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, reden sofort dagegen.

Und der Papst? Der lobt den Angegriffenen. Er haben den Vortrag noch einmal "vor dem Einschlafen, aber nicht zum Einschlafen" gelesen, sagt er; er habe dort "profunde Theologie" und "klares Denken" gefunden.

Die Botschaft: Man darf wieder streiten in der katholischen Kirche.

"Die Kurie zittert"

Ein Jahr ist nun dieser in jeder Hinsicht ungewöhnliche Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires Papst Franziskus. Es ist ein aufregendes Jahr gewesen für die katholische Kirche, gleich vom ersten Augenblick an, als am 13. März um kurz nach acht Uhr der Neue auf die Loggia des Petersdoms trat, angetan mit einem schlichen weißen Gewand, ein blechernes Kreuz vor der Brust, und den Leuten einfach einen Guten Abend wünschte. Es ist ein Jahr, in dem diese Kirche nach Jahrzehnten der Starre wieder begonnen hat, in Möglichkeiten zu denken. Einer, der Franziskus besonders verbunden ist, ist der emeritierte Kurienkardinal Cláudio Hummes aus Brasilien, sagt: "Es war ein Jahr voller Überraschungen."

Franziskus während seines ersten Auftrittes als Papst. Er wünschte schlicht "Guten Abend".

Der Papst wohnt nicht mehr im Apostolischen Palast, sondern im Gästehaus Santa Martha. Er läuft in schwarzen Gesundheitsschuhen herum. Er lässt sich im Ford Focus kutschieren. Seine erste Reise führte ihn ins Flüchtlingslager nach Lampedusa. Und Theologen wie Walter Kasper, die viele Jahre lang mit ihren im Grunde wenig revolutionären Ideen im Vatikan vor Mauern rannten, sehen sich nun ermutigt. Die Gläubigen wiederum sind angetan: Noch nie kamen so viele Menschen zu den Mittwochsaudienzen auf den Petersplatz, jede Woche sind es mehrere zehntausend.

Andere sind verunsichert. "Die Kurie zittert", sagte einer aus dem Apparat. Was Franziskus vorlebt und ankündigt, verheißt nichts Gutes für jene, die sich bequem eingerichtet haben auf ihren Posten, die über die Bande spielen, die sich an Privilegien und Prachtentfaltung gewöhnt haben. Gerade hat der Papst den neuen Kardinälen gesagt: "Ihr tretet ein in die Kirche von Rom, nicht an einen Hof." "Gerede, Intrigen und Seilschaften" sollten sie deshalb meiden. Was die Indiskretionen angehe, berichtet ein Insider, habe sich einiges verbessert, seit Franziskus den Kardinal Mauro Piacenza von der Spitze der Kleruskongregation abgezogen habe.

Die Personalpolitik war eine Schwäche von Benedikt XVI. Sein Nachfolger sucht ganz offenbar gezielt aus. Wer den Papst kennt, der sagt, die Unruhe habe er mit Absicht geschaffen. Er gehe mit jesuitischer Methode vor, schaue sich erst eine Weile alles an, und handle dann sehr präzise - und auch überraschend.

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