Papst und die neuen Kardinäle Ein Reformator, kein Revolutionär

Bestätigen die Kardinalsernennungen den Papst als Kirchenrevolutionär, wie ihn viele gerne sähen?

Papst Franziskus erhebt 19 Männer in den Kardinalsrang. Der Pontifex mit dem unkonventionellen Führungsstil wird ihnen viel abverlangen. Zugleich baut der Papst so den Führungskreis seiner Kirche um - sie wird vielfältiger, globaler und repräsentativer für die katholische Welt.

Ein Kommentar von Stefan Ulrich

Sie werden leuchtend rote Talare tragen und dem Papst Gehorsam bis zum Blutvergießen geloben, die 19 Männer, die Franziskus an diesem Samstag im Petersdom in den Kardinalsrang erhebt. Nun, zum Blutvergießen wird es nicht kommen. Ansonsten aber müssen sich die neuen Kardinäle darauf einstellen, von diesem Papst sehr viel abverlangt zu bekommen. Kardinal zu sein sei nicht Auszeichnung, sondern Dienst, hat Franziskus ihnen vorgehalten. Und was er unter Dienst versteht, hat er seit Beginn seines Pontifikats klargestellt. Eine arme Kirche für die Armen wünscht er, und einen Klerus, der sich nicht um sich selbst dreht, sondern hinaus geht an die Ränder der Gesellschaft, wie Jesus das getan hat.

Die Auswahl der ersten Kardinäle, die Franziskus ernennt, spiegelt diesen Geist wider. Auffallend viele von ihnen kommen aus armen Ländern des Südens, die von Europa aus betrachtet am Rande liegen, aus Burkina Faso etwa, aus Haiti oder von den Philippinen. Der Führungskreis um den Papst wird so vielfältiger, globaler und repräsentativer für die katholische Welt. Zugleich setzt Franziskus auch in Europa Zeichen und zeigt, dass er die Kardinalswürde nicht nach dem Motto: "Das haben wir immer so gemacht" vergibt, sondern genau den Einzelfall prüft. Venedig und Turin, ansonsten klassische Kardinalssitze, gehen leer aus. Dafür erhält das kleine Perugia überraschend einen Kardinal, der ganz im Sinne des Papstes ankündigt, seine ersten Besuche nach der Ernennung Gefangenen und Kranken abzustatten.

Ein Reformator, kein Revolutionär

Bestätigen die Kardinalsernennungen also den Papst als Kirchenrevolutionär, wie ihn viele in Europa und besonders auch in Deutschland gerne sähen? Dies zu behaupten wäre übertrieben. Auch aus der Kurie in Rom kommen neue Kardinäle, unter ihnen der noch von Benedikt XVI. eingesetzte Präfekt der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller. Der ehemalige Bischof von Regensburg wird in Deutschland gern als großer, konservativer Gegenspieler eines liberalen Papstes angesehen. Auch das ist übertrieben. Der Präfekt und der Pontifex unterscheiden sich zwar stark im Stil, aber sie eint das Interesse für die lateinamerikanische Theologie und vor allem das Engagement für die Armen.

Wenn der Papst schon keine Revolution anzettelt, ist er dann wenigstens ein Reformator? Bis jetzt spricht fast alles dafür. Nicht überstürzt, aber beharrlich, baut Franziskus seine Weltkirche um. Er relativiert die Macht der römischen Kurie, indem er sich ein neues Beratergremium aus acht Kardinälen schafft und die Verantwortung der Ortsbischöfe betont. Er lässt die Finanzen des Kirchenstaates durchforsten, lebt seinem Hof ein einfaches, franziskanisches Leben vor und findet offene Worte und Gesten für Menschen, die sich oft von der katholischen Kirche ausgeschlossen fühlen: für Geschiedene etwa, die wieder geheiratet haben, oder für Homosexuelle.

Gewiss, das ändert noch nicht die Doktrin. Aber es verändert den Ton, der auch in der Kirche die Musik machen kann.