Berlin Warum es in Berlin Streit um einen schwulen Kindergärtner gibt

Kinder haben mit ihren männlichen Kindergärtnern kaum ein Problem.

(Foto: Lukas Schulze/dpa)
  • In einer Berliner Betreuungseinrichtung wehren sich Eltern gegen einen homosexuellen Erzieher.
  • Es handelt sich vor allem um Eltern mit Migrationshintergrund.
  • Die Geschäftsführerin des Dachverbandes freier Kindertageseinrichtungen, Antje Proetel, sagt: "Das ist kein Einzelfall".
Von Sebastian Fischer, Berlin

Die Geschichte klingt wie aus einer in Deutschland längst vergangenen Zeit, aber sie spielt in der Hauptstadt, im bürgerlichen Stadtteil Reinickendorf, im 21. Jahrhundert, im Jahr 2017. Ein Mann arbeitet dort in einem Kindergarten, die Kinder mögen ihn, sie zanken sich darum, wer mit ihm an der Hand gehen darf.

Doch ihre Eltern protestieren dagegen, dass dieser Mann auf ihre Kinder aufpassen darf - und finden, dass er schon gar nicht ihre Hand halten soll. Sie drohen dem Träger des Kindergartens mit einer Unterschriftenaktion. Denn der Mann ist schwul.

Der Fall, über den der Tagesspiegel berichtete, ohne die Namen des Erziehers oder des Kindergartens zu nennen, beschäftigt seitdem Berlin. Denn es geht nicht nur um das fragwürdige Weltbild einiger Eltern, sondern um das gegenseitige Verständnis verschiedener Kulturen. Laut Tagesspiegel stammen die Eltern, die sich gegen den Erzieher sträubten, vor allem aus Russland, Rumänien, der Türkei und mehreren arabischen Ländern, die meisten seien Muslime. "Die kommen aus einer anderen Welt", sagte die Geschäftsführerin des Kindergartens.

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Vorurteile gegenüber männlichen Erziehern weit verbreitet

Für Antje Proetel, Geschäftsführerin des Dachverbandes freier Kindertageseinrichtungen, sind diese Schilderungen aus Berlin nicht besonders überraschend. "Das ist kein Einzelfall", sagt sie, sondern vielmehr ein wichtiges Thema, "über das nicht gern und nicht offen gesprochen wird". Vorurteile über männliche Erzieher seien generell noch weit verbreitet, sagt Proetel, die als Sozialpädagogin in Kassel arbeitet und dort Arbeitsgruppen zum Thema "Männer in Kitas" leitet.

Proetel berichtet von Eltern, die ihre Kinder nicht von einem Mann wickeln lassen wollen und von Erziehern, die aus Angst vor Kritik immer die Tür offen stehen lassen, wenn sie es doch tun. All das sei nicht förderlich für die ganz Kleinen, die ja einen ungezwungenen Umgang mit Männern und Frauen bräuchten.

Was Proetel aber auch sagt: Es gebe in der Zusammenarbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund oft unterschiedliche Vorstellungen über Erziehungsmethoden. Beispiel Züchtigungen: In Osteuropa würden Kinder manchmal nach wie vor noch geschlagen, sagt sie. Etwa jedes dritte Kind in Deutschland unter sechs Jahren hat einen Migrationshintergrund. "Eltern stehen im Vordergrund", sagt Proetel, sie sollen sich beteiligen, und es sei wichtig, in den Dialog zu treten und niemals Vorbehalte unausgesprochen zu lassen. Doch wenn ein schwuler Kindergärtner angefeindet wird, hört es für Proetel auf. Das sei zwar ein fatales Signal für die Integrationsarbeit, aber: "Dann kommt es zum Ausschluss." Wie jetzt in Berlin.

Vorbehalte gegen Homosexuelle

Die Berliner Eltern, die ohnehin mit einem männlichen Erzieher ein Problem hatten und dann von dessen Homosexualität erfuhren, wurden von der Geschäftsführerin ausgeschlossen - ihre Kinder besuchen jetzt einen anderen Kindergarten.

Der schwule Erzieher jedoch, so erzählte er es im Tagesspiegel, fühle sich nach wie vor bei der Arbeit überwacht. Denn Vorbehalte gegen Homosexuelle sind zumindest unterschwellig noch immer weit verbreitet, vor allem sobald das private Umfeld betroffen ist. Zu Beginn des Jahres ergab eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Fast jeder vierte Deutsche lehnt homosexuelle Erzieher im Kindergarten ab.

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