Voralpenland Steinböcke sind bedroht - durch Wanderer, Klima und Inzucht

Seit 50 Jahren bevölkert eine Herde Steinböcke die Benediktenwand.

(Foto: Klaus Kalischko)
  • Dass die Tiere auf der 1801 Meter hohen Benediktenwand leben, gilt als sehr ungewöhnlich. Normalerweise bevorzugen sie Hochgebirgslagen.
  • Seit Jahren geht die Population allerdings zurück.
  • Experten vermuten, dass das am Wetter, an nächtlichen Wanderern und an Inzucht in der Gruppe liegt.
Von Benjamin Engel, Benediktbeuern

Im gleißenden Sonnenlicht thronen sie auf den Felsen und scheinen in die Ferne zu blicken, hinab auf ihr Königreich, gekrönt von ihren bis zu ein Meter langen Hörnern: Herrscher des Hochgebirges werden die Steinböcke manchmal genannt. An der Benediktenwand können Wanderer die Wildtiere häufig beobachten. Manche der bis zu 120 Kilo schweren Exemplare wagen sich nahe an die Menschen heran, etwa bei der Tutzinger Hütte, auf deren Terrasse viele Wanderer rasten. Am Beginn zum Altweibersteig, auf der Südseite des Bergs, steht sogar eine Hinweistafel auf die Kletterartisten. Konrad Kürzinger von der Tutzinger Sektion des Alpenvereins hat schon mehrmals Steinböcke beobachtet: "Im Sommer frühmorgens um sechs, sieben Uhr."

Seit 50 Jahren regiert eine Steinbock-Dynastie auf der Benediktenwand, doch die Luft für sie wird dünner. Nicht nur Wanderer, auch das Klima und Inzucht machen der Population zu schaffen.

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Angefangen hat alles noch früher mit einem Einzelgänger - dem "Alten", wie man ihn nannte. Wanderer hatten ihn 1959 zum ersten Mal an der Benediktenwand gesehen. Gekonnt bewegte er sich in den Felswänden rund um den Gipfel und blieb allein - bis 1967. Weil der Steinbock seinem Revier so lange treu geblieben war, beschloss eine Gruppe von Jägern rund um den Tölzer Holzunternehmer August Moralt und den Verleger Franz Burda senior, eine Kolonie zu gründen. Sie erwarben zwei Geißen und zwei Böcke aus dem Schweizer Wildpark "Peter und Paul" in St. Gallen. Mit dem Hubschrauber wurden die Tiere am 11. Juli 1967 eingeflogen und am Fuß der Benediktenwand ausgesetzt, wie die Jagdzeitschrift Pirsch berichtete. Daraus hat sich eine Population von derzeit wenigstens 71 Tieren entwickelt.

Die Kolonie ist durchaus etwas Besonders auf dem bis zu 1801 Meter hohen Bergrücken. Denn Steinböcke durchstreifen normalerweise das Hochgebirge zwischen 2000 bis 3000 Metern über dem Meer und höher. Um 1860 waren die majestätischen Tiere in Europa beinahe ausgerottet. Der italienische König Vittorio Emanuele II. stellte die letzten verbliebenen hundert Exemplare am Gran Paradiso unter Schutz. Wahrscheinlich gelang es Jägern, von dort einige Tiere in die Schweiz zu schmuggeln. Im Wildpark "Peter und Paul" und später in Interlaken gelang es, Nachwuchs zu züchten. Die Steinböcke wurden seitdem erfolgreich ausgewildert. Heute schätzen Experten den Gesamtbestand auf 45 000 Stück im Alpenraum.

Wie in der Zeitschrift Pirsch zu lesen ist, stammte der nur als der "Alte" bekannte erste Bock an der Benediktenwand aus dem Bächental im nahen Karwendel. Dort waren 1958 Tiere aus Schweizer Wildfängen ausgesetzt worden. Von dort wanderte das Tier alleine bis ins Oberland - und stürzte 1973 an der Hohen Wand tödlich ab. Die erste Auswilderungsaktion von 1967 verlief erfolgreich. Der damals zwölfjährige "Alte" gesellte sich nach nur einem Tag zu den zwei Böcken und zwei Geißen. Schon 1970 setzten die Weibchen zwei Kitze.

Doch im selben Jahr scheiterte ein weiteres Ansiedlungsvorhaben. Der Bund Naturschutz kaufte zum Europäischen Naturschutzjahr zwei einjährige Geißen aus dem Frankfurter Zoo. Die Tiere verendeten jedoch binnen Monatsfrist. Die Schalen an ihren Zehenballen waren durchgerissen - so fanden sie im Fels keinen Halt. 1971 wurden schließlich nochmals zwei Geißen und ein Bock aus dem Wildpark "Peter und Paul" ausgesetzt.

Die Benediktenwand ragt hinter dem Kloster Benediktbeuern auf - hier eine Aufnahme aus dem Winter.

(Foto: Manfred Neubauer)

Heute gibt es wieder einige Kolonien von Steinböcken in Bayern, in den Berchtesgadener Alpen, am Brünnstein bei Oberaudorf, im Ammergebirge und den Allgäuer Alpen. Die Tiere sind ganzjährig geschützt. Insgesamt ist der Bestand an Steinböcken in Bayern in den vergangenen Jahren um 350 Tiere gestiegen. Bei der offiziellen Zählung 2010 ermittelten Förster und Jäger 450 Exemplare, im Sommer des Vorjahres 730.

Die Population an der Benediktenwand ist dagegen stagnierend bis rückläufig: Sie erreichte 1998 nach den Zählungen des Tölzer Landratsamts mit 150 Exemplaren ihren Höchststand. Damit die Tiere nicht überhandnehmen, wurden immer wieder einige zum Abschuss freigegeben, zuletzt 2006. Nicht nur deswegen hat sich der Bestand bis heute halbiert.

Wanderer können Steinböcke leicht aufscheuchen

"Die Zahl der Kitze ist eindeutig zurückgegangen", sagt Klaus Kalischko, Benediktbeurer Revierförster der Bayerischen Staatsforsten. Das erklärt er sich etwa mit den häufiger werdenden massiven Niederschlägen im März und April samt Nassschnee wie auch in den vergangenen Wochen. Dadurch würden die Wildtiere geschwächt. Die Geißen sind zu dieser Zeit hochträchtig. Konrad Kürzinger vom Alpenverein ärgert sich zudem über freilaufende Hunde von Wanderern.

Steinböcke sähen diese als Feinde an und griffen sie womöglich sogar an - was die Wildtiere und ihren Nachwuchs aus der Ruhe bringe. Auch Wanderer, die in der Dunkelheit auf dem Benediktenwand-Gipfel mit Stirnlampen unterwegs seien, Lärm machten und dort sogar übernachteten, könnten die Steinböcke aufscheuchen.

Und noch etwas könnte der einsamen Herde auf dem Berg auf lange Sicht gefährlich werden: der hohe Inzuchtgrad. Ein Team der Universität Zürich hatte Tieren mit Hilfe von Pfeilschüssen Gewebeproben entnommen und genetisch untersucht. Die Vielfalt der Benediktbeurer Steinböcke ist geringer als die der Tiere in der Schweiz. Denn sie stammen nur von wenigen verwandten Geißen ab. Noch zeigten sich keine Probleme. Aber in wenigen Jahrzehnten könnte das zu Anpassungsschwierigkeiten führen, falls neue Krankheitserreger auftauchen oder sich das Klima ändert. Franz Steger von der Unteren Naturschutzbehörde im Tölzer Landratsamt erklärt daher, dass es durchaus Überlegungen gebe, Tiere verschiedener Populationen umzusiedeln.

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