Münchner U-Bahn U-Bahn-Attacke in München: Was das Video zeigt - und was nicht

Was man sieht: Gedränge, Geschubse, aggressive Stimmung. Was das alles genau zu bedeuten hat, bleibt aber unklar.

(Foto: oh)
  • Ein Video zeigt, wie eine Gruppe Migranten in der Münchner U-Bahn zwei ältere Männer attackiert.
  • Die beiden Opfer haben angeblich versucht, eine Frau vor Zudringlichkeiten der jungen Flüchtlinge zu schützen.
  • Die Polizei ermittlelt nun wegen des Anfangsverdachts auf Körperverletzung und hat mittlerweile drei 19, 20 und 23 Jahre alte Afghanen identifiziert.
Von Martin Bernstein

Die Szene vom Samstagabend macht weltweit Schlagzeilen: Ein Video zeige, wie eine Gruppe Migranten in der Münchner U-Bahn zwei ältere Männer attackiert, nachdem diese versucht hätten, eine junge Frau vor Zudringlichkeiten der jungen Flüchtlinge zu schützen. So schreibt es das britische Boulevardblatt Daily Mail in seiner Online-Ausgabe. Gefilmt und in Umlauf gebracht hat die 31 Sekunden lange Sequenz der 26-jährige Münchner Student Tom R. Das Video auf seiner Facebook-Seite wurde seit Sonntag mehr als drei Millionen Mal aufgerufen. Mehr als 80 000 Facebook-Nutzer haben die Szene inzwischen geteilt.

"Mir reicht es jetzt endgültig mit gewalttätigen Asylanten / Asylbewerbern!" schreibt Tom R. auf Facebook unter seinem vollen Namen, den er aber in der Zeitung nicht lesen möchte. Nachfragen findet R. zunächst "unsympathisch", später beantwortet er sie doch. Die Nachfragen sind notwendig, denn das Video selbst zeigt - trotz der riesigen Aufmerksamkeit, die es erregt hat - nicht sehr viel.

Was das Video zeigt

Zu sehen ist ein junger, bärtiger Mann in rotbrauner Jacke, wie er in einer U-Bahn einen Mann am Kopf gepackt hat. Eine Frau schreit: "Schluss jetzt, jetzt ist Schluss." Man hört empörte Rufe: "Ja, sag' amal!" und "Hört auf jetzt!" Ein weiterer Mann mit Brille und ein mutmaßlicher Begleiter des Angreifers ziehen den jugendlichen Aggressor weg, daraufhin packt der Angreifer den Brillenträger am Kragen.

Man hört den Satz: "Benehmt euch hier, ihr habt euch zu benehmen wie alle anderen hier!" und ein halblautes "Okay". Am Ende stehen sich die jungen Leute und weitere Fahrgäste konfrontativ gegenüber, ein Begleiter des Angreifers macht eine beschwichtigende Geste, ein anderer richtet seinen ausgestreckten Zeigefinger auf die übrigen Fahrgäste. Kurz ist das Gesicht einer sitzenden jungen Frau zu sehen, die einen Blick über ihre rechte Schulter auf das Geschehen wirft. Ende des Videos.

Wie die Polzei auf das Video reagiert

"Strafrechtlich bleibt da nicht viel übrig", sagt Marcus da Gloria Martins, der Sprecher des Münchner Polizeipräsidiums, das am Montag auf das Video im Internet aufmerksam wurde. Daraufhin habe man Kontakt zu Tom R. aufgenommen. Der Zeuge habe sich von sich aus weder gemeldet noch Anzeige erstattet.

Der Süddeutschen Zeitung hatte R. erzählt, er habe sich selbst am Sonntag bei der Polizei gemeldet. Es ist nicht die einzige Ungenauigkeit in R.s Schilderung. Er will auch gesehen haben, dass die Angreifer beim Aussteigen am Hauptbahnhof weitere Fahrgäste geschubst hätten. Die Überwachungskameras zeigen nichts dergleichen.

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R. machte am Montagnachmittag eine Zeugenaussage im Kriminalkommissariat 24 . Daraufhin versuchten die Beamten auszuwerten, ob in dem Video eine Straftat zu sehen ist oder ob es sich nur um eine "Sicherheitsstörung" handelt. Am Dienstag dann stießen die Beamten auf eine Anzeige wegen Körperverletzung, die ein Mann unabhängig von Tom R. bei der Polizeiinspektion 32 in Grünwald gemacht hatte. Es handelte sich offenbar um den tätlich angegriffenen älteren Mann aus dem Video.

Polizei identifiziert drei mutmaßliche Täter

Seither ermittelt die Polizei wegen des Anfangsverdachts auf Körperverletzung. Bereits am Dienstagnachmittag konnte sie einen ersten Erfolg vermelden: drei 19, 20 und 23 Jahre alte Afghanen konnten identifiziert werden. Die Beamten hoffen, möglichst mit allen Beteiligten sprechen zu können. Was genau am Samstagabend um 18.10 Uhr in der U 1 passiert ist, ist für die Polizei noch offen.

Besonders interessiert wäre sie deshalb an einer Zeugenaussage der jungen Frau, die am Schluss der Videosequenz zu sehen ist. Sie sei von einem der jungen Männer anscheinend belästigt worden, schreibt R.: "Ich denke, er hatte seine Hand an ihrem Rücken." Als er abgewiesen worden sei, habe der Mann mit der Hand gegen die Fensterscheibe geschlagen, wohl aus Wut. Andere Fahrgäste hätten gerufen, er solle damit aufhören. Plötzlich habe sich der dritte "Asylant", so Tom R., eingemischt, obwohl er laut R. wohl nicht zu der Gruppe gehört habe, und sei auf den älteren Mann losgegangen. Erst an dieser Stelle beginnt das Video.

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Die Ermittler der Polizei halten Tom R. für glaubwürdig. Was sie jedoch nicht verstehen: "Wer filmt, kann auch den Notruf 110 rufen." Außerdem gebe es in jedem U-Bahn-Waggon Notrufknöpfe. Zivilcourage sei richtig, aber Videos zu veröffentlichen, statt die Polizei zu alarmieren - das sei ein ganz falsches Signal. In der Nacht von Samstag auf Sonntag waren laut Polizei 159 Streifenwagen im Stadtgebiet unterwegs, am Hauptbahnhof gibt es Bundes- und Landespolizei. Ein Anruf, und der Vorfall hätte sofort aufgeklärt werden können.

Stattdessen wurde er zum Renner in den sozialen Netzwerken. Ein Pegida-Anhänger kommentiert das Video mit einem zynischen Hinweis auf ein Bild des vor Kos ertrunkenen dreijährigen Aylan Kurdi: "Wer schläft, ärgert andere nicht." Andere empfehlen Selbstjustiz, Bewaffnung oder Steinigung. Tom R. hat so etwas offenbar geahnt: "Ich distanziere mich ausdrücklich von allen rechten sowie linken Äußerungen, die ggf. durch Personen verkündet werden, die dieses Video teilen", schreibt er auf Facebook.