Flüchtlinge in der Bayernkaserne Wie Gerüchte Angst machen

Hinter Mauer und Zaun leben an die 2000 Asylbewerber in der Erstaufnahme der Regierung von Oberbayern.

(Foto: Stephan Rumpf)

Tuberkulose, Ebola! Und ein Handy für 500 Euro. Für jeden Flüchtling, geschenkt, vom Staat. Angstmachende Geschichten gehen um über die Flüchtlinge in der Bayernkaserne in München Freimann, es entsteht eine gefährliche Gemengelage. Die Behörden tun viel zu wenig dagegen.

Von Bernd Kastner

Ein Handy für 500 Euro. Für jeden Flüchtling, geschenkt, vom Staat. Eine Stunde lang hat Christian Krems schon erzählt, warum er neulich diese Facebook-Gruppe gegründet hat mit dem Titel "Gegen das Asylheim München Heidemannstraße". Er hat von seiner Angst vor Ansteckung in der Bayernkaserne gesprochen.

Tuberkulose, Ebola! Und dann kommt er auf die 500-Euro-Handys. Darüber, sagt er, reden die Nachbarn in Freimann, virtuell und beim Gassigehen. Und wer weiß, vielleicht stimmt's ja auch, gibt Krems zu verstehen. Würde doch passen zum Anblick vor der Bayernkaserne, wo die Flüchtlinge faulenzen, Bier trinken, pöbeln.

Es lohnt, Christian Krems zuzuhören. Es lohnt überhaupt, rund um die Kaserne Antworten zu suchen auf die vielen Fragen dieser Tage. Da taucht vor knapp zwei Wochen diese Gruppe bei Facebook auf, die im Nu auf mehr als 1700 Mitglieder anschwillt. Die meisten äußern sich kritisch über jene Flüchtlinge, die sich nicht zu benehmen wüssten. Manche hetzen, Nazis mischen sich darunter, gründen eine eigene Gruppe, in der bald ein "Sonderzug nach Dachau" gefordert wird.

Wut, Angst, Ablehnung. All das hat sich in den vergangenen Tagen Bahn gebrochen in der bislang so ruhigen, bürgerlichen Gegend. Angstmachende Geschichten gehen um über die Flüchtlinge, es entsteht eine gefährliche Gemengelage. Was ist da los? Woher dieser Volkszorn?

Patric Wolf informiert über die Menschen in der Bayernkaserne.

(Foto: Florian Peljak)

Heidemannstraße, Freimann. Hinter Mauer und Zaun leben an die 2000 Asylbewerber in der Erstaufnahme der Regierung von Oberbayern, davor, auf der langen Wiese, fallen die vielen Afrikaner auf. Stehend, sitzend, liegend. Harald Ober ist all das vertraut. "Es entsteht der Eindruck eines Gettos."

Er ist 57, kümmert sich seit Jahren ehrenamtlich um die Flüchtlinge, organisiert große Kartons, um darin die Spenden zu sortieren, und jetzt sinniert er auf dem Balkon seiner Wohnung über die Wirkung des täglichen Anblicks. Abends, wenn alle nach Hause kommen, müde von der Arbeit, sehen sie die Fremden und denken sich: Die sitzen rum, arbeiten nicht, kosten uns Geld. Sie haben Handys in der Hand und Bierflaschen. "Es ist nicht mehr das Gewohnte", sagt Harald Ober. "Das Gewohnte wird irgendwie beeinträchtigt."

Die Stadt muss mehr tun

Eine "Angst vor dem Fremden" macht auch seine Ehrenamtskollegin Ines Steinheimer für ein gewisses Grundressentiment verantwortlich. Wobei es über Jahre keinen nennenswerten Ärger gab. "Die Stimmung ist umgeschlagen." Es war, als die Regierung von Oberbayern immer mehr Menschen in die Kaserne einquartierte, als ihre Zahl von 1200 auf 1600 und dann auf 2250 anstieg und man Feldbetten in Garagen stellte.

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Die Bayernkaserne ist heillos überfüllt. Dieter Reiter hat Sozialministerin Emilia Müller zu Verbesserungen angemahnt. Der Freistaat brauche weitere Dependancen für Flüchtlinge. Der OB weiß auch schon wo. Von Dominik Hutter mehr ...

Jüngst mussten Dutzende Neuankömmlinge ohne Matratze auf dem Fußboden schlafen, weil das Personal dem Andrang nicht Herr wurde. Von Donnerstag auf Freitag kamen allein 260 Flüchtlinge neu an, Rekord für einen Wochentag. Diese Belegung kann nicht gut gehen, sagt Steinheimer, und deshalb ärgert sie sich so. Über die Politik der Massenlager, aber auch, weil sie als engagierte Nachbarin all die Kapazitätserweiterungen nur aus den Medien erfahren habe.