Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge in der Bayernkaserne:Wie Gerüchte Angst machen

Tuberkulose, Ebola! Und ein Handy für 500 Euro. Für jeden Flüchtling, geschenkt, vom Staat. Angstmachende Geschichten gehen um über die Flüchtlinge in der Bayernkaserne in München Freimann, es entsteht eine gefährliche Gemengelage. Die Behörden tun viel zu wenig dagegen.

Von Bernd Kastner

Ein Handy für 500 Euro. Für jeden Flüchtling, geschenkt, vom Staat. Eine Stunde lang hat Christian Krems schon erzählt, warum er neulich diese Facebook-Gruppe gegründet hat mit dem Titel "Gegen das Asylheim München Heidemannstraße". Er hat von seiner Angst vor Ansteckung in der Bayernkaserne gesprochen.

Tuberkulose, Ebola! Und dann kommt er auf die 500-Euro-Handys. Darüber, sagt er, reden die Nachbarn in Freimann, virtuell und beim Gassigehen. Und wer weiß, vielleicht stimmt's ja auch, gibt Krems zu verstehen. Würde doch passen zum Anblick vor der Bayernkaserne, wo die Flüchtlinge faulenzen, Bier trinken, pöbeln.

Es lohnt, Christian Krems zuzuhören. Es lohnt überhaupt, rund um die Kaserne Antworten zu suchen auf die vielen Fragen dieser Tage. Da taucht vor knapp zwei Wochen diese Gruppe bei Facebook auf, die im Nu auf mehr als 1700 Mitglieder anschwillt. Die meisten äußern sich kritisch über jene Flüchtlinge, die sich nicht zu benehmen wüssten. Manche hetzen, Nazis mischen sich darunter, gründen eine eigene Gruppe, in der bald ein "Sonderzug nach Dachau" gefordert wird.

Wut, Angst, Ablehnung. All das hat sich in den vergangenen Tagen Bahn gebrochen in der bislang so ruhigen, bürgerlichen Gegend. Angstmachende Geschichten gehen um über die Flüchtlinge, es entsteht eine gefährliche Gemengelage. Was ist da los? Woher dieser Volkszorn?

Heidemannstraße, Freimann. Hinter Mauer und Zaun leben an die 2000 Asylbewerber in der Erstaufnahme der Regierung von Oberbayern, davor, auf der langen Wiese, fallen die vielen Afrikaner auf. Stehend, sitzend, liegend. Harald Ober ist all das vertraut. "Es entsteht der Eindruck eines Gettos."

Er ist 57, kümmert sich seit Jahren ehrenamtlich um die Flüchtlinge, organisiert große Kartons, um darin die Spenden zu sortieren, und jetzt sinniert er auf dem Balkon seiner Wohnung über die Wirkung des täglichen Anblicks. Abends, wenn alle nach Hause kommen, müde von der Arbeit, sehen sie die Fremden und denken sich: Die sitzen rum, arbeiten nicht, kosten uns Geld. Sie haben Handys in der Hand und Bierflaschen. "Es ist nicht mehr das Gewohnte", sagt Harald Ober. "Das Gewohnte wird irgendwie beeinträchtigt."

Die Stadt muss mehr tun

Eine "Angst vor dem Fremden" macht auch seine Ehrenamtskollegin Ines Steinheimer für ein gewisses Grundressentiment verantwortlich. Wobei es über Jahre keinen nennenswerten Ärger gab. "Die Stimmung ist umgeschlagen." Es war, als die Regierung von Oberbayern immer mehr Menschen in die Kaserne einquartierte, als ihre Zahl von 1200 auf 1600 und dann auf 2250 anstieg und man Feldbetten in Garagen stellte.

Jüngst mussten Dutzende Neuankömmlinge ohne Matratze auf dem Fußboden schlafen, weil das Personal dem Andrang nicht Herr wurde. Von Donnerstag auf Freitag kamen allein 260 Flüchtlinge neu an, Rekord für einen Wochentag. Diese Belegung kann nicht gut gehen, sagt Steinheimer, und deshalb ärgert sie sich so. Über die Politik der Massenlager, aber auch, weil sie als engagierte Nachbarin all die Kapazitätserweiterungen nur aus den Medien erfahren habe.

Wie lange bleiben sie? Können wir uns infizieren?

Direkte Informationen der Behörden? Fehlanzeige. Genau das dürften die entscheidenden Faktoren für die Aufregung in Freimann sein: Überbelegung und Mangelinformation. Viele im Viertel wollen mehr wissen darüber, was hinter der Mauer los ist. Wer lebt dort? Woher kommen sie? Wie lange bleiben sie? Können wir uns infizieren?

Viele Antworten der Bürger darauf, verbreitet im Netz und beim Gassigehen, speisen sich aus Halbwissen und Falschinformation. So gedeiht das Gegenteil von Verständnis für Menschen, die in großer Not nach München gekommen sind. Und wer fängt die Gerüchte ein? Welcher Offizielle erklärt, dass es keine staatlichen Handy-Geschenke gibt und kein Ebola in der Kaserne?

Christian Krems ist 42 Jahre alt, Initiator der großen Facebook-Gruppe und Türsteher im Nebenjob. Seine Oberarme künden von kräftigem Training und Liebe zur Tätowierung. Auf seiner persönlichen Facebookseite prangt eine Deutschlandflagge, darauf in Frakturschrift: "Deutsch und stolz darauf". Gerade verwendet er viel Zeit darauf, seine Kritiker davon zu überzeugen, dass er kein Nazi sei, als der er beschimpft wird.

Jetzt muss was passieren

Die Idee zur Facebook-Gruppe sei vor zwei Wochen beim Gassigehen entstanden, als er und seine Partnerin von anderen Hundebesitzern mal wieder eine dieser Geschichten über die Flüchtlinge hörten, die Anwohner belästigen. Angeblich. Jetzt muss was passieren, war ihr Reflex, und schon war die Gruppe online. "Gegen das Asylheim". Der Titel sei ein Fehler gewesen, sagt er, er habe doch nicht gedacht, dass sich Nazis dranhängen. Er habe dann einige ausgeschlossen, aber der Ruf, selbst ganz rechts zu stehen, klebt an ihm.

Nein, hingegangen ist er noch nie zu den Flüchtlingen, um mit ihnen zu reden. Er habe Angst, sagt der Türsteher. Schon auf der Straße habe er ein mulmiges Gefühl, und rein in die Kaserne - lieber nicht. TBC, Ebola, wer weiß, wie schnell man sich da anstecke. Manche Nachbarn, erzählt er, kauften schon kein Obst mehr beim Discounter, weil dort ja auch die Schwarzen seien und Äpfel und Birnen anfassten. In der Kaserne gibt es für jetzt 1800 Flüchtlinge gerade mal sechs Sozialbetreuer.

"Haben die das im Griff?", fragt Krems und meint die Behörden. Er wolle wissen, was in der Kaserne so los sei, aber "der Infofluss ist recht dürftig". Immerhin, inzwischen sei vieles besser geworden vor der Mauer. "Hätten wir nicht einen solchen Wirbel gemacht." Christian Krems strahlt. Endlich haben die Behörden reagiert, weshalb er nach gut einer Woche die Facebook-Gruppe wieder geschlossen hat. "Was wir erreichen wollten - wir haben es geschafft."

Als Hunderte Bürger sich virtuell verbünden, als Nazis mit dem Anzünden der Kaserne drohen, schickt die Polizei berittene Beamte ins Viertel, lässt die Stadt die Grünanlagen öfter von Müll reinigen, stockt die Regierung das Wachpersonal massiv auf, lässt nun auch auf der Wiese nach dem Rechten sehen. Jetzt fühlen sich viele Bürger ernst genommen. Erst jetzt.

Traumatisierte Menschen ohne Privatsphäre

Ja, sagt Patric Wolf, "es ist traurig, aber wahr". Er kümmert sich wie wenige andere und versucht, Probleme zu lösen. Für die Bürger, für die Flüchtlinge, und das als Mann der CSU. Für die sitzt der 39-Jährige im Bezirksausschuss Schwabing-Freimann und spürt die Folgen der Asylpolitik seiner Parteioberen in der Staatsregierung.

Wolf besucht jetzt regelmäßig Geschäftsleute entlang der Heidemannstraße. Natürlich gab und gibt es Auswüchse, wo wäre es nicht so, wenn 2000, oft traumatisierte Menschen nach anstrengender Flucht ohne Privatsphäre aufeinander sitzen. Und natürlich stören sich Anwohner an rumpinkelnden, betrunkenen Männern und anzüglichen Bemerkungen.

"Wie geht's?" fragt Wolf den Mann in der Autowerkstatt? "Perfekt!" ruft der und kommt mit öligen Händen unterm VW hervor. Jetzt gehe es auf der Wiese gegenüber wieder gesittet zu. Auch den Tankwart auf der anderen Seite besucht Wolf. Der junge Mann stöhnt: Nein, nichts sei besser geworden. Dieser Stress mit den Afrikanern! Man muss ihm eine Weile zuhören, um zu ahnen, was er meint: Es sind zu viele Kunden. Die Afrikaner kommen und kaufen, viel los, viel Stress. Und Ärger? "Sie sind schon relativ harmlos."

Was tut die Stadtspitze?

Am Freitag traf sich Wolf mit anderen ehrenamtlichen Lokalpolitikern, um Flugblätter in die Briefkästen zu werfen. 7000 Stück, dicht bedruckt, vorne und hinten, mit Infos und dem Appell: "Begegnen Sie den Flüchtlingen nicht mit Vorurteilen." Es ist der Versuch gegenzusteuern. Die Nazis waren schon längst da und haben ihre Flyer mit ihren Infos verteilt.

Und wo sind die Oberen aus Politik und Verwaltung? Die Regierung von Oberbayern erklärt: "Wir nehmen die Sorgen und Anregungen der Anwohner sehr ernst." Und für kommende Woche lade man zu einem Runden Tisch in die Kaserne ein, "mit allen Beteiligten".

Und was tut die Stadtspitze? Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD), wirkt überrascht ob dieser Frage. Man habe doch immer informiert, über den Bezirksausschuss, auf der Bürgerversammlung, über "Regsam", die soziale Fachbasis im Viertel. Grundsätzlich wolle man Multiplikatoren und die positiv eingestellten Bürger bestärken und nicht "die Rechten" bekehren.

Nun ist längst aber nicht jeder empörte Nachbar ein Rechter, und so scheint eine große Gruppe ungehört zu bleiben. Wäre es nicht an der Zeit, dass die Stadt selbst und direkt informiert, mit ansprechenden Flyern, mit einer Internetseite, per Facebook? Wie wäre es, wenn der Herr Oberbürgermeister und die Frau Referentin die Freimanner besuchen würden?

Muss das wirklich sein? Dieser Aufwand! Das äußert Brigitte Meier verbal und nonverbal. Es dauert viele kritische Fragen, ehe sie einräumt: Ja, die Stadt habe Nachholbedarf in sozialen Medien. Und ja, man sei "zu langsam" mit der Kommunikation. Eine Anwohnerversammlung sei inzwischen "in der Pipeline", und nächste Woche, sagt Meier, gebe es doch auch den Runden Tisch. Da weiß sie noch nicht, dass wenige Stunden später die Regierung diesen Runden Tisch wieder absagen wird. Warum? Man schaffe es einfach nicht, "organisatorische Gründe". Aber im September, spätestens, ganz sicher.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2082643
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 09.08.2014/amm
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.